Gründerzeiten unterm „Goldenen Dachl”

© „Gründerzeiten” 1988, Sozialabbau Demo in Innsbeuck

Soziale Arbeit mit Jugendlichen Die UHUDLA Redaktionsmitglieder Andrea Sommerauer und Hannes Schlosser haben den Jugendlichen in der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck mit einem umfangreichen und vielseitigen Buch ein ahnsehnliches Werk geschaffen.

„Gründerzeiten 1970–1990”: Ein umfassender und reich bebilderter Überblick über das soziale Angebot für Jugendliche.

„Es ist eine umfangreiche Publikation, welche die ,Gründerzeiten‘ von Einrichtungen für Jugendliche und junge Erwachsene in verschiedenen Problemlagen im Innsbruck der 1970er und 1980er Jahre” beschreibt und darstellt”, fasst der Mitautor Hannes Schlosser das 500 Seiten starke Werk zusammen.

Im Dezember 1971 beschloss der Tiroler Landtag auf Betreiben von Soziallandesrat Herbert Salcher (SPÖ) die Vergabe von Forschungsaufträgen zur Bestandsaufnahme und „Ausarbeitung von Veränderungsmodellen von Erziehungsmitteln und -praxen in den Tiroler Landeserziehungsheimen“. Tatsächlich erwiesen sich die beiden Fürsorgeerziehungsheime Kleinvolderberg (für Burschen) und St. Martin (für weibliche Jugendliche) als nur bedingt reformierbar, zugleich aber als langlebig. Es dauerte noch fast 20 Jahre, ehe die beiden berüchtigten Heime 1990 beziehungsweise 1991 vom Land Tirol geschlossen wurden.

Der Verzicht der Landespolitik auf diese beiden Zwangseinrichtungen war Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels, wobei sich das Heimwesen in den beiden Jahrzehnten zwischen 1970 und 1990 von innen her aushöhlte: Zuletzt hatten Jugendämter und Gerichte kaum noch Jugendliche in die Heime eingewiesen.

Neustart mit alternativen Angeboten

Diese Entwicklung wurde massiv durch den Auf- und Ausbau eines vielfältigen Netzes an Einrichtungen begünstigt, die ein alternatives Angebot für Jugendliche in Problemlagen geschaffen hatten. Die eben erschienene umfangreiche Studie „Gründerzeiten – Soziale Angebote für Jugendliche in Innsbruck 1970–1990“ zeichnet die Entstehungsgeschichte dieser Angebote in der Tiroler Landeshauptstadt nach. Dazu zählten und zählen Jugendzentren, diverse Wohngemeinschaften, Arbeitsprojekte, Zufluchtsorte für von Gewalt bedrohte Mädchen und junge Frauen etc. Die GründerInnen suchten zeitgemäße Antworten auf Sucht, Jugendkriminalität, Arbeits- und Wohnungslosigkeit sowie patriarchale Unterdrückung.

Zentrales Kriterium für die Schaffung neuer Einrichtungen war das Erkennen eines Bedarfs, der sich in der alltäglichen Arbeit mit Jugendlichen im Alter von 14 bis 21 Jahren zeigte. Die Initiativen zur Gründung innovativer Projekte kamen nur selten aus der Politik oder Beamtenschaft. GründerInnen waren häufig junge Menschen, etwa nach einer Ausbildung in Sozialarbeit oder Pädagogik, aber auch viele engagierte Laien spielten schon allein aufgrund der mangelnden Ausbildungsplätze in Sozialberufen eine Rolle. Speziell die 1970er Jahre waren von einer Aufbruchstimmung geprägt. Die Folgen der Revolten rund um 1968 und die Durchlüftung der Gesellschaft während der SP-Alleinregierungen unter Bundeskanzler Bruno Kreisky erreichten auch Tirol/Innsbruck – trotz der hierzulande ungebrochenen konservativen politischen Mehrheiten.

Wiederholt empörten sich Abgeordnete des Innsbrucker Gemeinderats über die Vorgangsweise von GründerInnen, zuerst Fakten zu schaffen und dann beharrlich Subventionen einzufordern. Bisweilen leugneten GemeindemandatarInnen auch die Notwendigkeit neuer Einrichtungen und denunzierten die AntragstellerInnen mit dem Vorwurf, bloß Arbeitsplätze für sich selbst schaffen zu wollen. Wohl kein Zufall, dass davon Frauenprojekte besonders betroffen waren.

Um Anerkennung, Respekt und kostendeckende Subventionen zu erhalten, brauchte es in vielen Fällen großes Durchhaltevermögen (inklusive prekärer Arbeitsbedingungen) der GründerInnen. Nicht alle Initiativen überlebten diese Phase, retrospektiv betrachtet, sind es aber erstaunlich viele.

Zwei Jugendzentren vs. ein Bischof

Ab den frühen 1970er Jahren spielten zwei Jugendzentren in Innsbruck eine prägende Rolle. Die sich an GymnasiastInnen und Studierende richtende MK, und das Z6, das sich an Arbeiterjugendliche, aber auch an Randgruppen (wie z.B. Rocker) wandte. Beides waren kirchliche Einrichtungen, beide gerieten wegen ihrem liberalen Umgang mit heiklen Themen (Sexualität, Demokratie und Mitbestimmung, Bundesheer, Drogen und Alkohol etc.) in Konflikt mit dem stockkonservativen Innsbrucker Bischof Paulus Rusch. Dieser war zu keinem Zeitpunkt bereit für eine Auseinandersetzung über Methoden und Ziele, sondern reagierte autoritär. In der MK, sorgte er dafür, dass der Jesuitenorden den charismatischen Leiter des Jugendzentrums Pater Sigmund Kripp 1973 hinauswarf. Zu diesem Zeitpunkt war das Jugendzentrum am Höhepunkt seiner Popularität: Etwa 1.350 Mitglieder in einer Stadt mit 100.000 EinwohnerInnen!

Wenig später, im Sommer 1974 löste Bischof Rusch seine Widersprüche zum pädagogischen Konzept des Z6, indem er während des Sommers die Schlösser des Pfarrheims austauschen ließ, in dem das Jugendzentrum ansässig war. Das Z6 verabschiedete sich aus dem kirchlichen Machtbereich, gründete einen unabhängigen Verein und siedelte sich in Kellerräumen einer ehemaligen Bäckerei an. Über viele Jahre war das Z6 in Innsbruck die innovativste Kraft bei Neugründungen, die jeweils aus aktuellen Problemlagen seiner jugendlichen Mitglieder resultierten. 1974 erfolgte die Gründung des KIT, einer stationären Drogentherapiestation, ein Jahr später entstand der Durchgangsort für Wohnungs- und Arbeitssuchende (DOWAS) gemeinsam mit der Bewährungshilfe, um der wachsenden Zahl arbeits- und wohnungsloser männlicher Jugendlicher ein Angebot machen zu können. Ab Ende der 1970er Jahre entstanden unter dem Dach des Z6 Arbeitsprojekte für Jugendliche (alternative Verkaufsläden, ein vegetarisches Restaurant) und 1982 etablierte das Z6 innerhalb des Jugendzentrums eine Drogenberatungsstelle.

Die Dynamik dieser bedarfsorientierten Gründungen soll noch ein Beispiel illustrieren: Aus dem zu diesem Zeitpunkt längst selbständigen DOWAS entstand 1984 aus einer Initiative von Jugendlichen das „Ho & Ruck“. Zu seinen Aufgabenstellungen zählten Entrümpelungen, Übersiedlungen sowie die Restaurierung und der Verkauf von Altmöbeln. 35 Jahre später ist daraus bei ähnlichem Angebot Tirols größter Sozialökonomischer Betrieb und Arbeitgeber für Langzeitarbeitslose geworden, zugleich ist das Ho & Ruck der größte Gebrauchtmöbelmarkt des Landes.

Solidarität wird zum Arbeitsauftrag

Viele junge Menschen, die in den 1970er Jahren Sozialberufe ergriffen haben, wollten damit auch ein Feld für sich eröffnen, das gesellschaftliche Veränderung ermöglicht. Verbunden damit war das Prinzip des „Politischen Mandats“. Dieses beinhaltet ein Verständnis von Sozialer Arbeit, die sich nicht auf die Hilfe und Unterstützung von Einzelnen und Gruppen beschränkt, sondern explizit die Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen KlientInnen leben, als Teil ihrer Aufgabe betrachtet. Zum Teil gelang es tatsächlich, diese politischen Aktivitäten in die Arbeitszeit zu integrieren. Am besten wohl in der damals noch jungen Bewährungshilfe, aber auch in privaten Trägervereinen und sogar in Einrichtungen der öffentlichen Hände. Viele Vernetzungsprojekte sind damals entstanden, manche mit thematischem Hintergrund (ARGE Jugendzentren, Arbeitskreis Heimerziehung), andere mit berufspolitischen und gewerkschaftlichen Zielen (Tiroler Berufsverband Diplomierter Sozialarbeiter) oder der Sozialpolitische Arbeitskreis, der seit 35 Jahren (sozial-)politische Interventionen von derzeit 20 Einrichtungen kreiert und koordiniert.

Im Rückblick überrascht manche in der Studie nachzulesende Information: etwa, dass es ein gesetzlich normiertes Gewaltverbot gegenüber Kindern und Jugendlichen gerade erst einmal seit 30 Jahren gibt – wobei Österreich sich innerhalb Europas nach den nordischen Ländern sogar noch als Vorreiter rühmen kann. Nicht länger existiert ein modernes Jugendwohlfahrtsrecht, das auch die ersatzlose Streichung der obligatorischen Amtsvormundschaft bei unehelichen Kindern enthält.

Über den lokalen/regionalen Rahmen hinaus ist das Buch „Gründerzeiten“ eine exemplarische Erzählung über eine langanhaltende Aufbruchstimmung in der Sozialen Arbeit. Wobei sich der kapitalistisch orientierte Wandel ab der zweiten Hälfte der 1980er Jahre bereits auf allen Ebenen abzeichnet – mit steigender Jugendarbeitslosigkeit, Sparprogrammen und schlechteren Arbeitsbedingungen in den Einrichtungen.

Andrea Sommerauer, Hannes Schlosser
Gründerzeiten
Soziale Angebote für Jugendliche in Innsbruck 1970–1990
Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, Band 70
© Universitätsverlag Wagner
ISBN 978-3-7030-6536-1
500 Seiten, gebunden, viele Illustrationen
Preis: 29,90 Euro
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Universitätsverlag Wagner

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