Die Zeit is a Gauna

@ Karl Weidinger. Jubilar Roland Neuwirth links im Bild.

Vier Jahrzehnte Geschrammelte Werke Roland Neuwirth machte sich einen Namen als „Extremschrammler“ und gilt als Erneuerer des Wienerliedes. Der UHUDLA gratuliert zu seinem 70. Geburtstag.

Von Karl Weidinger erschienen in der UHUDLA Ausgabe 114 @-2 2020

Mit 13 Jahren begann er Gitarre & Kontrabass zu spielen. Später zog er neue Saiten auf und griff zum „Bastard“, zur Kontragitarre mit 15 Saiten.

„I hob ma de Hundshittn umgschnollt“, sagt der Jubilar im Bezug auf seinen 70. Geburtstag in Oktober 2020. Neuwirth blickt nostalgisch zurück auf die letzten 50 Jahre und mehr. Die Bassgeige oder der Brummbass ist gemeint. Lange vor seinen insgesamt 42 Dienstjahren als „Extremschrammler“. Vom Kontrabass zur Kontragitarre dauerte es nicht lange in der musikalischen Entwicklung. Ebenso wie vom Jazz zum authentischen Wienerlied. Der Kontrabass als Bastard mit gezählten 15 Saiten, hat aber auch Nachteile, weiß der Fachmann Roland Neuwirth, weil beim virtuosen Spielen doch einige Limits mit der guten Erreichbarkeit gesetzt sind.

Als 70jähriger kann Roland Neuwirth die Füße noch immer nicht still halten und meint leidenschaftliche Musiker kennen keinen Ruhestand

Das sagt er im Gespräch vor dem Cafe Korb in der Wiener Innenstadt – noch vor der Ausgangsbeschränkung. Er will auch weiterhin singen wie ein Kanarienvogel, bis er „tot vom Sprissl fällt.“ Seine Extremschrammeln sind seit 2016 (Musik-)Geschichte. Das neue Projekt trägt den Namen „Radio.string.quartet“. Die Kombination aus Streichern und neuen Arrangements hebt die Lieder von Roland Neuwirth auf eine andere Ebene – auch wenn in Corona-Zeiten das Aufspielen ruhen muss. Und wieviel Zeit noch bleibt, wissen die Götter.

Inzwischen hat er sich wieder neu erfunden. „Erd´“ ist der Titel des neuen Projekts und das hat auch was mit Vergänglichkeit zu tun. Mastermind dabei ist das Überbleibsel seiner Extremschrammeln, der Arrangeur Bernie Mallinger an der Violine. Igmar Jenner mit der Violine, Cynthia Liao an der Viola und Sophie Abraham am Cello ergänzen das Quartett. Mit dem spirituellen Sänger Neuwirth wird es zum Quintett.

Nun hat er die Hände frei beim Singen und Spielen. Er hat sich freigespielt. Freie Hand hatte er schon immer bei seiner Auswahl. Jetzt macht er nur noch, was er wirklich will. Das war aber vorher auch schon so. Jahre hat er genug am Buckl, wie früher den Kontrabass, seine „Hundshittn“.
Roland Josef Leopold Neuwirth wurde Ende Oktober 1950 in Wien geboren. Mit 13 Jahren begann er sich musikalisch zu bilden. Zeitlebens verschrieb er sich der Erneuerung des Wienerliedes. Schrammelkultur bedeutet Heurigenkultur, auch wenn die Originalbesetzung sich im Laufe der Zeit verändert hat. Das „Packl, die Zusammensetzung des Ensermble, war und ist ausschlaggebend – und das blieb bei uns immer gleich“.

Jazz in der Singer/Songwriterszene zum Anfang, dann Protestsongs in den Folk-Clubs und später entstand die Dialektwelle der 1970er Jahre

Mit dem Titel „10 Wienerlieder und 1 Fußpilzblues“ erschien im Jahr 1978 die erste Platte von Neuwirth. Mit Spielwitz und Humor hat er sich in die Popkultur geschrammelt, verschiedene Genres lustvoll gekreuzt und sich so extrem in die Welt hinaus geschrammelt. „Wir haben verstärkt sehr rotzig geklungen“, sagt Neuwirth. Doch der Schrammelhimmel hängt nicht nur voller Geigen, auch Kontrabässe und Kontragitarren sind darunter.
Als Bassist und Gitarrist musste er zur traditionellen, in der Schrammelmusik verankerten Kontragitarre greifen. Ein Kombinationsinstrument, das dem inneren Drang, zu den Harmoniefolgen gleichzeitig optimale Basslinien zu spielen, ermöglicht. Der Bass als Bastard, ein Wortspiel, das Fundament auf dem die Harmonie steht.

Jojo, „die Zeit is a Gauner“. Ein Titel von Peter Ahorner, der für eine Schrammeloper verfasst worden war. Dazu die Beschreibung von Roland Neuwirth: „Gemischter Satz aus Wien-Hernals. Rarität, 36 Jahre alt. Extremtröpferl. Genug Säure, bei guter Lagerung daher noch einige Zeit haltbar“, schrieb er zur Live-CD und DVD „Amoi gehts no“, mit 22 Liedern aufgenommen im Orpheum 2010 zum 60. Geburtstag des Künstlers und mit 36 Jahren war der Reifeprozess der Extremschrammeln gemeint. Die Zeit is a Gauner, immer noch gültig.

Bis er im Jahre 2016 das „End vom Lied“ mit seinen Extremschrammeln ausrief. Gesundheitliche Gründe trugen dazu bei. Fast drei Jahre konnte er nichts machen und auch nicht auftreten. Ein nachdenklicher Roland Neuwirth blickt zurück in Nostalgie. Auch im Bewusstsein, dass es nicht mehr so lange dauern wird, wie es schon gedauert hat.

Neuwirth ist ausgebildeter Musiker mit Abschluss am Konservatorium, der nicht nur das Wienerlied, sondern auch die Wiener Musik weiterbrachte

Roland Neuwirth unterscheidet zwischen Schrammelmusk und Wiener Musik. Der gelernte Buchdrucker und Schriftsetzer wurde zum Schriftsteller & Notensetzer von Wienerliedern im Dialekt. „Weana Tanz & Gstanzln. Fluchtachterln mit Tränen aufgespritzt“. Er verfasste und komponierte etwa 300 Lieder für Duo- und Schrammelbesetzung, darüber hinaus Tänze, Walzer und Neutöner, einige Orchesterwerke, Theater-, Film- und Hörspielmusik. Sein Ensemble bestand seit 1974 und hatte etwa 13 Tonträger eingespielt, bis zum September 2016.

Das neue Projekt ließ nicht lange auf sich warten: Exakt 19 Monate und vier Tage dauerte der Bühnenabschied von den Extremschrammeln. Das neue Projekt heißt nun „Radio.string.quartet“. Auf dem Programm die vier Elemente: Erd` (Erde) ist schon erschienen. Die Elemente Feia (Feuer), Wossa (Wasser) und Luft sind bereits in Planung für die nächsten Lebensabschnitte in jährlicher Taktung des Veröffentlichungs-Termins. Wenn nix dazwischen kommt…

Legendär zu Lebzeiten: Die Umschreibung für den gepflegten Abgang. „Ein echtes Wienerlied“, erschien 1999 unter dem Titel „Geschrammelte Werke“. Darin enthalten 17 gezählte Synonyme für den schönen Tod, Metaphern für den würdevollen Exitus im erneuerten Wienerlied mit Schrammelqualität. Eine moribunde Moritat.

Er hat an Abgang gmacht,
Er hat die Patschn gstreckt,
Er hat a Bankl grissn,
Er hat se niedaglegt,
Er hat se d‘ Erdäpfel von unt angschaut,
Er hat se sozusagn ins Holzpyjama ghaut

Bis es den Musiker selber so ergeht, bleibt er in Litschau im Waldviertel. Diese Region hat auch Schrammelbezug. Der Vater der Schrammelbrüder stammte von dort. Somit haben sich zwei Lebensmittelpunkte ergeben, einer ist der Gemeindebau im 17. Bezirk, in Hernals geblieben.
Hartes Brot, kein Einzelschicksal: „Hernals und Dornbach scheint mir wirklich nur historisch volksmusikalisch erwähnenswert. Und mir gefällt – gerade was die Wienermusik betrifft – ein so rigoroses Einkasteln der Bezirke gar nicht. Ottakring gehört da ganz wesentlich dazu. Die Brüder Schrammel kannten solche Bezirksgrenzen erst recht nicht, obwohl sie in Hernals gewohnt haben – wie ich – und dort buchstäblich verhungert sind.“ Aber, ob die Zeiten besser geworden, mag die Zeit zeigen. Doch die Zeit is a Gauner.

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