Unsere erträumte Welt werden wir nicht mehr schauen

Frauen
© ÖGB Archiv

Eine Arbeiterführerin, die arbeitet ■ Für Adelheid Popp (1869 – 1939) war die politische und gesellschaftliche Mitbestimmung von Frauen keine Selbstverständlichkeit. Die Frauen mussten einen langen Weg gehen, bis sie ihr Recht auf politische Mitbestimmung verwirklichen konnten. Erst im Jahr 1919 wurde das Frauenwahlrecht Wirklichkeit

Spurensuche von Karl Weidinger erscheint in gekürzter Version in der UHUDLA Ausgabe 112/2020

Adelheid Popp war das jüngste von nur fünf überlebenden Kindern und das einzige Mädchen.

Ihre Mutter gebar insgesamt 15 Kinder. 10 davon starbenbereits im Säuglingsalter nach der Geburt, aufgrund der sozialen Umstände.

Der Vater war ein Weber, arbeitete im Textilgewerbe und galt als alkoholabhängig und aggressiv. Seine Frau bekam regelmäßig Prügel und auch die überlebenden Kinder wurden häufig geschlagen. Die Familie war sehr arm. Der Vater als schleißiger Familienernährer gab einen Teil seines Lohns für Alkohol aus. Als Adelheid 4 Jahre alt war, wurde der Vater schwer krank. Sozialversicherung gab es noch nicht – so etwas war eine soziale Utopie. Die Behandlungskosten für Ärzte und Medikamente überstiegen die Einkünfte der Familie bei weitem. Zwei Jahre später war der Tyrann tot – was nicht alle bedauerten.

„Ich empfand keine Betrübnis, ja, als ich die von einer wohlhabenden Familie geliehenen Trauerkleider mit Hut und Schleier trug, empfand ich weit eher ein Gefühl der Genugtuung, auch einmal so schön angezogen zu sein.“ Adelheid Popp, 1909

Neben der zurück gebliebenen Witwemussten die Kindernoch mehr mit anpacken. Das jüngste der Kinder war erst 10 Jahre alt und schuftetete als Hilfsarbeiter in einer Fabrik. Adelheid war neben der Schule zusätzlich für den Haushalt verantwortlich. Mit 8 Jahren begann sie, als Heimarbeiterin bis 21 Uhr nachts Knöpfe anzunähen.
Mitte der 1870er-Jahre griff die Arbeitslosigkeit um sich. Mutter und Brüder mussten sich mit Gelegenheits-Jobs durchschlagen – auch mit gefährlichen, ungesicherten Arbeiten. Der jüngste Bruder erlitt einen schweren Unfall und musste daraufhin operiert werden. Auch er starb wenige Jahre später, während der letzten 3 Jahre seines entbehrungsreichen kurzen Lebens war er ein Pflegefall.
Die Schule konnte Adelheid nicht regelmäßig besuchen, weil die Not größer war. Adelheids Mutter wurde deshalb sogar einmal zu 24 Stunden Arrest verurteilt und von 2 Gendarmen zuhause verhaftet und abgeführt – eine große Schande für die Familie und das Mädchen.

Ihr größter Wunsch war es, einmal auszuschlafen. Das war aber nur möglich, wenn sie krank oder arbeitslos war – und dann auch kein Genuss. Immer wieder berichtete sie von sexuellen Übergriffen durch Vorarbeiter, Fabriksbesitzer etc. Frauen, die sich nicht fügten, wurden schikaniert oder hinausgeworfen, manche prostituierten sich, um bessere Posten zu bekommen – ein Thema, das sie in ihrer politischen Karriere immer wieder angesprochen hat (Popp 1909, S. 8–24).

Adelheid hat sehr gern gelesen, wahllos alles, was ihr in die Hände fiel: romantische Schundromane, Fortsetzungsromane in Zeitungen. Sie träumte von einem besseren Leben – soweit möglich. Der Mutter, ihren Brüdern, aber auch Freundinnen, Bekannten oder Arbeitskolleginnen musste sie oft nacherzählen, was in diesen romatischen Träumereien passierte. So entstand der Wuinsch und das Begehren nach einer besseren Welt – vor allem für Frauen. Das war eine gute Vorbereitung auf ihr späteres Leben als Politikerin. Das lebhafte, rhetorisch begabte Mädchen wuchs zu einer mitreißenden Rednerin heran.

So begab es sich, dass sie begann, immer mehr politische Leitartikel in Zeitungen zu lesen, statt der wundersamen Erlösungs-Märchen. Berichte über Anarchistenprozesse faszinierten sie. Anarchisten und Freiheitskämpfer wurden zu ihren Helden, weil diese versuchten hatten etwas zu ändern. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie auf die „Gleichheit“ aufmerksam wurde – eine Zeitung, herausgegeben von Victor Adler.

„Was aber über die Leiden der Arbeiterschaft geschrieben wurde, das verstand und begriff ich, und daran lernte ich erst mein eigenes Schicksal verstehen und beurteilen. Ich lernte einsehen, dass alles, was ich erduldet hatte, keine göttliche Fügung, sondern von den ungerechten Gesellschaftseinrichtungen bedingt war.“ Adelheid Popp, 1909

Adelheid Popp kämpfte unermüdlich für bessere Arbeitsbedingungen, aber auch für eine dazugehörende Bewusstseinsänderung. Sie begegnetepolitischen Aktivisten (meist Freunde ihrer Brüder) und besuchte, oft als einzige Frau, Versammlungen. Sie wusste es schon immer: Ihr Schicksal war nicht gottgewollt, sondern war veränderbar.

Adelheid Popp war ein Kind ihrer Zeit – vor etwa 150 Jahren entrechtet und unmündig, den verächtlichen Drohgebärden von Kirche und Staatsgewalt ausgesetzt. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen widmetesie sich der Arbeiterbewegung und verschrieb sich früh dem Kampf für die Befreiung der Frau.

Die redegewandte Popp begann auf öffentlichen Versammlungen aufzutreten und überzeugte mit ihrer energischen Art und ihrem rhetorischen Talent. Rasch avancierte sie zu einer führenden Figur der Wahlrechtsbewegung, wenngleich sie stets betonte, dass das Frauenwahlrecht kein Zweck an sich, sondern bloßes Mittel im Streben nach der Befreiung von Ausbeutung sei. Ihr Geschlecht empfand sie als großen Nachteil: „Dass ich als Mädchen in der sozialistischen Bewegung oder im politischen Leben überhaupt etwas leisten könne, wusste ich damals noch nicht.“ In der „Frauenfrage“ sah sie trotz erfolgter Gründung des Arbeiterinnenbildungsvereins wenig Fortschritt. „Es schien alles nur Männerleid und Männerelend zu sein“.

Aber was tun? Politische Mitbestimmung war ein Privileg der Besitzenden. Um die Jahrhundertwende im Jahre 1900 galten Frauen als Menschen zweiter Klasse. Sie waren völlig von ihren Familien undden bestimmenden Männern abhängig. Die österreichische Frauenwahlrechtsbewegungarbeitete gezielt auf die Verbesserung der Bildung von Frauen hin. Frauen waren von der Teilnahme am Vereinswesen ausgeschlossen, hatten keinen Zugang zu Hochschulen und Universitäten. Auch unter den damals schon existierenden „Genossinnen“ gab es Meinungsverschiedenheiten. Die „Gemäßigten“ wollten Frieden mit den Herrschern und fanden sich mit gnadenhalber gewährten Zugeständnissen ab.

Adelheid Popp agierte als Mittlerin zwischen den Fronten. Antifeminismus unter den Genossen war die vorherrschende Einstellung. Viele hielten an der traditionellen Frauenrolle fest. Das Vereinsgesetz untersagt Frauen ihre politische Betätigung. Häufige Gefängnisstrafen waren an der Tagesordnung. Nachdem Popp bei der Organisation eines Frauenstreiks mitgeholfen hatte, geriet sie ins Visier der Geheimpolizei und kam mehrmals ins Gefängnis, da sie mit ihren als radikal geltenden Thesen zur freien Entfaltung der Frau in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz und in der Familie heftig aneckte. Auch danach musste sie 14 Tage in Haft absitzen.

Seit 1891 engagierte Adelheid Popp sich im Wiener Arbeiterinnen-Bildungsverein. Als Mitbegründerin wurde sie 1892 verantwortliche Redakteurin der „Arbeiterinnen-Zeitung“. Ihre erste Rede 1891 vor einer Versammlung in eigenen Worten:

„Als ich die Stufen zum Rednerpult hinaufging, flimmerte es mir vor den Augen, und ich spürte es würgend im Halse. Aber ich überwand diesen Zustand und (…) sprach von den Leiden, von der Ausbeutung und von der geistigen Vernachlässigung der Arbeiterinnen …“ Adelheid Popp

Ihre Rede wurde mit großem Beifall aufgenommen. Dass eine Frau öffentlich zu den Genossen sprach, war mehr als ungewöhnlich. Die Ansprache wurde in einem Fachblatt abgedruckt. „Ich kam mir vor, als hätte ich die Welt erobert.“ Dennoch arbeitete sie bis zur Erschöpfung. Eine Arbeiterführerin, die arbeitet – heute undenkbar? Sie eilte nach 12 Stunden Arbeit in der Fabrik zu Versammlungen in ganz Wien. Meist zu Fuß, denn die Pferdestraßenbahn stellte früh am Abend ihren Dienst ein, auch hätte Adelheid sich die Fahrtkosten nicht leisten können.

Erst nach der Jahrhundertwende kam Bewegung in die „Frauen-Sache“. Die Diskussion rund um das Frauenwahlrecht war in der Öffentlichkeit angekommen – nicht zuletzt dank der unzähligen Initiativen, Petitionen, Resolutionen und Kundgebungen des 1905 gegründeten Frauenstimmrechtskomitees in Wien, Prag und Brünn.

„Behüte der Himmel! Sie meinen es politisch“, spöttelteder politische Beobachter Karl Kraus1907 über den Feldzug für die Gleichberechtigung und offenbarte damit, welche Widerstände die Akteurinnen zu überwinden hatten. Ab 1893 stand sie dem Lese- und Diskutierklubs „Libertas“ vor. Während dieser Zeit pflegte sie gute Beziehungen zu Friedrich Engels und August Bebel. Adelheid Popps Ehemann war seit 1893 Julius Popp, ein enger Freund und Mitarbeiter des sozialdemokratischen Parteiführers Victor Adler. Adelheidpflegte den Austausch mit der Schriftstellerin Emma Adler.

Adelheid heiratete Julius Popp, den Parteikassier. Er war 44, sie 24. (Hauch 1995, S. 291) In ihm hatte sie einen Gesinnungsgenossen gefunden. Die beiden führten eine für damalige Verhältnisse ausgesprochen gleichberechtigte Ehe. Julius Popp ermutigte sie zu einem Studium. Während sie als Rednerin und Aktivistin unterwegs war, kümmerte er sich um Haushalt und die beiden Söhne. Leider dauerte die Ehe nur 8 Jahre. Julius Popp starb 1902. Auch beiden Söhne verstarben früh, einer als Soldat im 1. Weltkrieg, der andere an der damals grassierenden Seuche, der spanischen Grippe.

Keine Zugeständnisse gab es in der Frage der männlichen Kriegslüsternheit. In der „Arbeiterinnen-Zeitung“, wo Adelheid Popp federführend mitabeitete, stand nichts vom patriotischen Jubel zu lesen. Ganz im Gegensatz zur damaligen „Arbeiter-Zeitung“, der großen sozialdemokratischen Tageszeitung, wo Kriegstreiberei als patriotische Pflicht abgetan wurde.

Mit der Gründung der Republik nach dem Ende der Monarchie 1918 wurde ein wesentlicher Schritt für die Gleichberechtigung beschlossen. Am 12. November 1918 wurde das „allgemeine, gleiche, direkte und geheime Stimmrecht für alle Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechts“ erlassen. Am 16. Februar 1919 war es Frauen erstmals möglich, gleichberechtigt mit Männern an der Wahl zur Nationalversammlung teilzunehmen und auch selbst gewählt zu werden. Schließlich zogen 8 Frauen ins Parlament. Ein Meilenstein. Um das Wahlverhalten von Frauen beobachten zu können, wurden zeitweise verschiedenfarbige Stimmkuverts für Männer und Frauen eingesetzt.

Gesellschaftliche und politische Errungenschaften für Frauen wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts immer wieder ausgehöhlt. Der autoritäre christliche „Ständestaat“ ab 1933/34 brachte nicht nur das Ende der Demokratie und die Rücknahme der verfassungsmäßigen „Gleichberechtigung ohne Unterschied des Geschlechts“. Für Adelheid Popp ein schwerer Rückschlag. Sie litt an Depressionen und Geldsorgen, wurde aber von einem Kreis jüngerer Sozialdemokratinnen umsorgt. Gerne wäre sie emigriert, erhielt aber keinen Pass. „Unsere erträumte Welt werden wir nicht mehr schauen“, resumierte sie an ihrem Lebensabend.

Das Leben und der Kampf hatten Spuren hinterlassen. Im Jahr 1933 trat Popp aus Altersgründen zurück. Die Februarkämpfe 1934 mit dem folgenden Verbot ihrer Partei und die Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich 1938 erlebte sie noch mit, konnte jedoch aus Krankheitsgründen nicht mehr aktiv werden.

In ihrem letzten Manuskript heißt es: „Was wäre die Menschheit, hätte sie keine Hoffnungen mehr! Hoffe und strebe solange du atmen kannst, sollte des Menschen Wahlspruch sein.“ Adelheid Popp starb 1939, knapp ein Jahr nach der NS-Machtergreifung in Österreich.

Adelheid Popp kämpfte für separate Frauenorganisationen, für eine vermehrte Aufnahme von Frauen in die Gewerkschaft, polemisierte gegen die „Heiligkeit der Ehe“ und initiierte Arbeiterinnenstreiks. Von der bürgerlichen Presse als Hetzerin und Aufwieglerin verschrieen, schrieb sie Beiträge für die Arbeiterinnen-Zeitung, die ab Jänner 1892 zweimal pro Monat als Beilage zu der von Victor Adler gegründeten Arbeiter-Zeitung erschien – auch dieses Medium konnten ihre Nachfolger im Lauf der Jahrzehnte vernichten. Aber trotz aller Porsche- und Jagdgewehr-Diskussionen, die Erinnerung wird bleiben.

101 Jahre Frauenwahlrecht, eine vernichtende Bilanz. Der österreichische Parlamentarismus wird auch 2020 von Männern dominiert, trotz Übergangsbundeskanzlerin 2019. Der Anteil der Frauen im Parlament lag zuletzt bei einem Drittel, lediglich 7,6 Prozent der Gemeinden werden von einer Bürgermeisterin geleitet. Es bedarf noch vieler Anstrengungen, bis alle Forderungen der Wahlrechtsaktivistinnen von 1919, angeführt von Adelheid Popp, erfüllt sind.

Zitate: Adelheid Popp, „Jugendgeschichte einer Arbeiterin“

Popp
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Werke zum Nachlesen:
„Die Arbeiterin im Kampf ums Dasein“ (1895), „Aus meinen Kindheits- und Mädchenjahren“ (1915), „Frauenarbeit in der kapitalistischen Gesellschaft“ (1922), „Haussklavinnen. Ein Beitrag zur Lage der Dienstmädchen“ (1912), „Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin von ihr selbst erzählt“ (1909), „Traurige Jugend“ (1927), „Der Weg zur Höhe. Die sozialdemokratische Frauenbewegung Österreichs; ihr Aufbau, ihre Entwicklung und ihr Aufstieg“ (1929)

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