Gerechtigkeit für Peter Handke

SerbienSerbien muss sterbien ■ Die Attacken auf Peter Handke folgen in der Tradition des österreichischen Antislawismus und Antikommunismus. „Serbien muss sterbien“ schrieb vor 100 Jahren die „Kronen-Zeitung“ und die „Neue Freie Presse“ titelte: „Jeder Schuss ein Russ‘“. Was für eine Hetz die Hetze gegen die Tschuschn.

Von Rudolf Karazman, erscheint in der UHUDLA Ausgabe 112 / 2020

Was Paul Lendvai, Hans Rauscher und der „Standard” gegen Handke pöbeln, ist österreichische Tradition. Das der Ein-„Falter” dann Peter Handke noch mit Päderasten und Nazi-Freunden aufs Titelblatt hebt, steht in der Tradition eines „Stürmer“. Armin Turnherr und Co entkleiden sich jeglicher zivilgesellschaftlicher Verkleidung.

Ich meine nicht jene berechtigte Kritik an den Literaturnobelpreisträger Handke von Menschen (Jugoslawiens), die unmittelbar von diesem schrecklichen Krieg getroffen sind, und Freunde und Angehörige und Heimat verloren haben. Ich habe als (kroatisch sprechender) Psychiater in den Flüchtlingslagern von Gersthof oder Deutschschützen das Leid minimalst zu lindern versucht. Jede Sprechstunde unzählige Tote.

Typisch für die österreichischen Handke-Hasser ist es, die Historie erst 1994 zu beginnen. Die Geschichte Österreichs, die blutige Monarchie, der mörderische Nationalsozialismus, das Morden am Balkan, der Krieg der SS gegen die Serben, der Kalte Krieg und das Roll Back gegen jede Form des Sozialismus wird ausgeblendet.

All die Schandtaten Österreichs in der Balkan Region und den serbischen Menschen gegenüber, die Brandstiftungen und publizistischen Lügen, all der von Österreich seit der Monarchie mitgetragene Hass, wird ausgeblendet

Der Jugoslawienkrieg in den 1990er Jahren war ein Krieg gegen den Sozialismus. Der Krieg gegen den Vielvölkerstaat war die Revanche einem Land gegenüber, welches sich erlaubte gegen Nazi-Deutschland zu siegen. Der Jugoslawienkrieg war Revanche einem Land gegenüber, gegen welche die Habsburger den ersten Weltkrieg entfesselten und dabei untergingen. Jenes Jugoslawien, wo Kurt Waldheim auf seinem Pferd den millionenfachen Mord an serbischen Menschen begleitete, und dann „erst recht“ Bundespräsident wurde.

Die Sowjetunion war 1989 erledigt, und nach Josip Broz Titos Tod konnte man sich auf das Öl ins Feuer der inneren Widersprüche Jugoslawiens konzentrieren. Hätte der Westen Jugoslawien erhalten wollen, hätte er statt neuer Kredite zu gewähren, die Waffen der jugoslawischen Regional-Armeen aufkaufen können, um ein Blutbad zu verunmöglichen. Aber dort regierte ja der „Klassenfeind“, regierte das Volk, und nicht Tesco, OBI und die Deutsche Bank.

Um Jugoslawien zu zerstören, mußte es propagandistisch auf Serbien reduziert werden, um auf Jahrhunderte gepflegten Serben-Hass zum Ziel „Serbien muss sterbien“ zu surfen. Milosevic wurde zum Teufel und Schreckgespenst, während die UCK des Kosovo, die post-Ustascha-Faschisten und die dort kämpfenden Rechtsextremen aus Deutschland und Österreich Befreier waren. Der Grüne bundesdeutsche Außenminister Joseph Fischer forderte Belgrad zu bombardieren, um Menschenrechte zu schützen! Rudolf  Scharping von den deutschen Sozialdemokraten erfand den „Hufeisen-Plan“, eine Propaganda-Lüge. Und die USA legten noch eins drauf, und schossen trainingshalber die Botschaft Chinas in Belgrad kaputt.

Deutschland war wieder wer und war militärisch dort, wo es 1945 von den Partisanen des sozialistischen Jugoslawien davongejagt wurde. Nicht zu vergessen: Frankreich und USA standen lange Zeit auf der Seite Jugoslawiens gegen die Einmischung aus Deutschland und Österreichs, weil sie Post-Jugoslawien wollten, aber Deutschland war gerissener. Auch dank der Hypo-Bank Jörg Haiders . Dazu mehr nachzulesen in Veit Heinichens aktuellem Geschichtsbuch „Borderless“.

Peter Handke sah den Jugoslawien-Krieg nicht als Imperialismus-affines Roll-Back, sondern als Ungerechtigkeit gegen Serbien. Sein trotziges „Gerechtigkeit für Serbien!“ führte ihn an die Seite Slobodan Milosevic.

Nur wer an der Seite der anderen Kriegsverbrecher stand wie ein Joschka Fischer hat kein Recht Peter Handke zu verurteilen, denn die antiserbischen und antikommunistischen Propagandisten des Westens lieferten die Munition zum Morden am Balkan – nicht Peter Handke. Der Kärntner Schriftsteller, verheiratet mit einer Frau aus Jugoslawien, war blind vor Wut angesichts der Lügen und mörderischen Entscheidungen und schlitterte an die Seite Milosevics. Die westliche Journaille huldigte Franjo Tudjmann und Hacim Thaci. Waren die besser? (Ich empfehle die Serie „Feuer am Balkan“ von ARTE auf deren Videothek).

Nein, aber gegen Serbien zu Felde zu ziehen war Tradition. Die Habsburger-Monarchie war ein Völkerkerker, vor allem für die slawischen Volksgruppen, für Tschechen, Slowaken, Kroaten, Bosnier, Slowenen und Serben. Das deutschösterreichische Herrenvolk unterdrückte die slawischen Domestiken rechtlich, und oft blutig. Befreiungsversuche galten als Terror. Der Wilhelminische Militarismus Deutschlands und die Habsburger Österreichs zwangen die Jugend in den antislawischen und antiitalienischen Krieg mit Freude und Hurra. „Jeder Schuss ein Russ“ (aus Neue Freie Presse, 1914, Wien). Mörderische Politik in Reimform gab es schon damals.

Als 1918 die Völker sich befreiten, fehlten dem Staat Österreich Hände und Beine der slawischen „Unter-Menschen“: Bauarbeiter, Putzfrauen, Köchinnen, Lastenträger, Knechte…  Plötzlich auf die eigene Leistungskraft und Lohnung angewiesen zu sein, ließ viele an der eigenen Überlebensfähigkeit zweifeln. Die fehlenden Sklaven vom Wienerberg schmerzten als Phantom. Antislawismus und Antisemitismus blieben die Standbeine der Reaktion auch in der Republik Österreich.

Hier der Neid auf jüdisches Mensch-Sein, dort die Verachtung für slawisches Mensch-Sein. So waren viele Österreicher Anschluss-fähig an die Todesschwadronen der NS und SS, bereit zum „Kampf gegen die jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“. Die Vernichtung aller jüdischen Menschen war genauso ausgesprochen wie die Vernichtung der slawischen Völker in ihrem Lebensraum. 34 Millionen slawischer Menschen wurden im Nazi-Krieg umgebracht. Zur „Endlösung der Judenfrage“ steuerte ein Österreicher namens Tobias Portschy  die „Endlösung der Zigeunerfrage“ bei. Er lebte und wirkte im burgenländischen Rechnitz, dem Ort des Kreuzstadl-Massakers an 180 jüdischen ZwangsarbeiterInnen. 50 Jahre später wurden in der Nähe in Oberwart vier Menschen, vier Roma, getötet. Schwere Verbrechen wurden an der slowenischen Bevölkerung Österreichs durch die „hochgradigen Hitler-Jungen“ verübt: das Massaker vom Pertschmann-Hof war nur eines.

1938 wurde den burgenländischen Kroaten Sprache und Schule verboten und 1944 sollten unsere Großeltern und Eltern nach Kroatien abgesiedelt werden. Der un-identitäre Austausch war angeordnet.

Dass wir burgenländische Kroaten nicht umgebracht und verfolgt wurden wie viele slowenisch sprechende Kärntner, gründete auf dem Bündnis des Hitler-Regimes mit dem faschistischen Ustascha-Regime Kroatiens. Die kroatischen Ustascha-Faschisten ermordeten bis zwei Millionen serbischer Menschen. Zwei Millionen – Serbien muss sterbien. Und mit ihr NS und SS und ein Pferd namens Waldheim. Doch der Rassenhass erlebte eine mächtige Niederlage. Partisaninnen und Partisanen siegten gegen die Mörder aus Deutschland und Österreich und Kroatien und befreiten das Land – noch vor dem Eintreffen der Roten Armee. Sie errichteten einen Sozialismus mit menschlichem Anlitz. Diese Niederlage hat Hitler-Deutschland nicht vergessen.

1945 war Österreich für viele nicht befreit, sondern „besetzt“ – und noch dazu von den Russen, im Bündnis mit ihren Tito-Partisanen. Der aufrechte Rassist konnte sich gar nicht einkriegen vor Hass. Nach 1945 brauchte man noch die slowenisch sprechenden Widerstandskämpfer Kärntens für Österreich als „erstes Opfer Hitlerdeutschlands“, aber kaum waren die „Befreier“ weg, höhnte die Nachkriegs-SS den von Russen und Jugoslawen unterschriebenen Staatsvertrag. Nix Ortstafel.

Und Peter Handkes Familie wurzelt teilweise im slowenisch sprechenden Kärnten. Auch in seiner Familie gab es Widerstandskämpfer, auch diesen wurde nieder getrachtet. Viele Kärntner Slowenen ergaben sich nicht dem wunschlosen Unglück, sondern setzten dem antislawischen Alltagsrassismus was entgegen. Der Selbstmord der Mutter Peter Handkes war nicht nur eine Spätfolge des antisemitischen und antislawischen Raubzuges, sondern auch der Missachtung im Land der wieder regierenden „hochgradigen Hitlerjungen“ (unter SPÖ-Landeshauptmann Leopold Wagner).

Peter Handke vermied es, in seinen damaligen Büchern politisch bekennend zum Slowenischen seiner Familie zu werden. Als Hippies haben wir uns international definiert. In Peter Handkes blinder Trotzreaktion lebt diese familiäre und persönliche Erniedrigung und Ungerechtigkeit flammend und verheerend nach.

Massiv und vorallem medial wird die Schuld der Hasser und Rassisten auf dem Nobelpreisträger Peter Handke abgeladen – aber im Feuer sehen sich die geistigen geistlosen Brandstifter nicht.

Schon früh gab der bundesdeutsche Nachrichtendienst BND den sogenannten Dissidenten Kroatiens Stoff für den Sturz des dortigen Sozialismus. Jahrzehnte lang wurde unterminiert oder kreditiert, so hoch, dass sich Jugoslawien daran aufhängen konnte. Die reiche Teilrepublik Slowenien begann mit der Dissidenz wie die Lega Nord von Süditalien oder die Katalanen Barcelonas von Spanien. Und bald folgten die Kroaten. Franjo Tudjman wählte das Schachbrett als Nationalemblem, das Symbol der Ustascha!

Was mußte – und sollte gewollt – losgehen? Die Erinnerung an zwei Millionen Toter lag wach …, und dann reicht ein Toter dort und eine Tote da und zehn Prozent Arschlöcher setzten mit Hilfe der westlichen Freunde den Balkan in Brand. Veit Heinichen beschreibt in seinem Buch “Borderless“ die Funktion der Hypo-Alpe-Adria zur Finanzierung des Bürgerkriegs und der Übernahme des sozialistischen Jugoslawiens durch deutsche Großunternehmen. Jugoslawien starb. Jenes Jugoslawien, von dem die Standard-Journalistin Ana Tajder aus Zagreb in ihrem Buch „Titoland“ schrieb: Jugoslawien war das beste Land. Wir hatten die soziale Sicherheit des Kommunismus und die Freiheit des Westens. Es waren wenige Brandstifter auf allen Seiten und Leute wie der grüne Joschka Fischer etc., die Schuld am Tod hunderttausender Menschen tragen.

1994 gründeten wir mit der MedUni Zagreb und dem Gesundheits-Stadtrat von Birmingham das Friedensprojekt „Motovun Summer School for Health Promotion“ in Istrien, an der KollegInnen aus allen Teilrepubliken Jugoslawiens 25 Jahre lang teilnahmen. Ich habe zu Kriegsbeginn an der Universitätsklinik für Neurologie in Wien gearbeitet, an der Seite einer wunderbaren Kollegin aus Belgrad. Eines Tages wurde ich von Pfleger Josip aus Zagreb begrüßt: „Oh, Doktor Karazman, Sie schauen heute fesch aus, wie ein richtiger Ustascha-Mann!“.  Meine Antwort damals war die Gründung der Initiative „Der Mensch zuerst –Spitalpersonal gegen Ausländerfeindlichkeit“, denn bei uns forderte der Rassismus ebenfalls die ersten Toten.

Es ist ein Hohn für all die Toten, dass sich FPÖ als „serbenfreundlich“ präsentieren kann und bei den serbischen Organisationen hohes Ansehen genießt. Und es ist ein Hohn für all die ermordeten und gefallenen Menschen der Sowjetunion, dass Wladimir Putins Russland Einzelfälle an Wiederbetätigung in Österreich mitfinanziert.

Peter Handke verdient den Nobelpreis für seine Literatur. Er war in meiner Pubertät ganz wesentlich, weil seine widerständige Haltung, mit der ich heute noch Ungerechtigkeiten begegnen kann, ermutigend für mich war.

Ich habe seine Bücher zwar etwas langatmig gefunden, aber er war rebellisch und das war und ist gut so. Die Rebellion macht uns nicht immer gerecht, nicht zu unseren Eltern, nicht zu unseren Lehrern, nicht zu unserer Gegenwart. Gerechtigkeit für Peter Handke ist ein Weg zur Ungerechtigkeit unserer österreichischen Geschichte gegenüber den Menschen am Balkan, im Osten, gegenüber Kroaten, Serben, Polen, Russen, Slowenen, Tschechen oder Slowaken.
Wann hören wir mit „Serbien muss sterbien“ auf?

 

Rudi_PortProf. Dr. Rudolf Karazman ist Facharzt für Psychiatrie & Neurologie, Psychotherapeut, Arzt für Arbeitsmedizin und IBG-Gründer. Er ist Jahrgang 1955, entstammt einer burgenländisch-kroatischen Bauernfamilie aus Nikitsch, schrieb mehrere Bücher. Der vielseitige Wissenschafter hat ein Faible für Musik. Er spielte in den Anfangsjahren der „Drahdiwaberl” bei Kapellmeister Stefan Weber Saxophon und der Politkult-Band „Bolschoi Beat”.

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