Kultur-Crash im Burgenland

Hasen
Wahrer burgenländischer Sommertraum © Wachter

Zusammenführung Tourismus & Kultur ■ Hans Peter vor den Vorhang. Jetzt weiss das Schilfschneider Wahlvolk wie mit absoluter Mehrheit „Volkskultur” (siehe Bild oben) geschaffen wird und man in Zukunft noch eine viel höhere Qualtätsstufe erklimmt. Die Doskozil Kulturpolitik im Lande will sich jetzt regierungsabteilungsmäßig „Tourismus Kultur” benennen.

Dem burgenländischen freien Autor und Regisseur Peter Wagner gefällt die absolut Landeshauptmann Tourismus und Kulturvereinigung ganz und gar nicht. Der Allround-Künstler hat einen offenen Brief ins Büro von Landeshauptmann Doskozil nach Eisenstadt geschickt.

OFFENER BRIEF AN LANDESHAUPTMANN DOSKOZIL
Betrifft: Die Zusammenführung von Tourismus und Kultur

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann, lieber Hans Peter,

ich beziehe mich mit diesem Offenen Brief auf Deine gestrige Ankündigung, Kultur und Tourismus im Burgenland stärker aneinander zu binden. In deinen eigenen Worten, gestern Abend dem 30 Jänner 2020 in der Sendung Burgenland Heute: „Es ist wichtig, Tourismus und Kultur zusammenzuführen. Kultur ist eines der wichtigsten Aushängeschilder, wenn es darum geht, für das Burgenland nach außen hin touristisch auch aufzutreten.“

Obwohl Kunst und Kultur im Burgenland über das geringste Budget aller Ressorts verfügen, handelt es sich bei ihnen um die wohl komplexeste gesellschaftliche Materie, auch und gerade bei uns im archetypischen, mehrsprachigen Grenzland. Gewiss, Kunst und Kultur sind einander nicht automatisch gleichzusetzen. Und doch bedingen sie einander, erzählen sie doch in ihren mannigfachen Facetten etwas von jenen Tiefenschichten, die uns Menschen nun einmal auch eignen und in ihrer Summe unsere gegenwärtige Conditio humana ausmachen. Das geht weit über unser Bedürfnis nach Essen, Trinken, Schlafen, Wohnen oder Gepflegtwerden hinaus. Vor allem die Kunst ist per se riskant, weil sie uns möglicherweise etwas über uns selbst mitteilt, was wir nur ungern wissen bzw. zur Kenntnis nehmen wollen. Genau das aber macht sie so bedeutsam und letztlich unverzichtbar.

Der (Kultur)Tourismus bedient hingegen einen völlig anderen Bereich gesellschaftlicher Begehrlichkeiten. Er zielt auf das schnelle Erlebnis ab, mit dem Menschen ihrem Leben über die aus der Geschichte geborgte Sensation einen Kick zu verpassen versuchen. Meist bleibt seine Wirkung eine oberflächliche, und immer haftet ihm der Beigeschmack an, nicht nur Geldmaschine zu sein, sondern unser kulturelles Erbe, zu dem wir Gegenwärtigen nichts, aber auch gar nichts beigetragen haben, rücksichtslos und in bisweilen perverser Weise zu plündern und auszubeuten.

Umso mehr bin ich der Überzeugung, dass man beide Teile, hier die Kulturpolitik, dort die Tourismuspolitik, streng von einander trennen bzw. getrennt halten sollte! Wir verfügen im Burgenland über ein erschreckend dünn gesätes bis gar nicht vorhandenes Angebot an Möglichkeiten zu diskursiver Auseinandersetzung. Wir haben – als einziges Bundesland Österreichs – kein stehendes Theater. Die Streuung von Galerien ist beschämend. Die KomponistInnen klagen genauso wie die AutorInnen und VerlegerInnen, von Film, Tanz und Kunstformen in und mit neuen Medien will ich gar nicht sprechen. Beispielsweise ist Unterstützung des Landes für die Neuerscheinung eines Buches, an dem AutorInnen manchmal Jahre arbeiten, um damit zumindest einen Beitrag zur geistigen Beweglichkeit des Landes zu leisten, in den meisten Fällen auf ein Almosen von € 700.- heruntergerasselt.

Sprechen wir einmal nicht über den Mindestlohn für Landesbedienstete, sondern über das Prekariat der meisten Kunst- und Kulturschaffenden in diesem Land, sofern sie überhaupt die Möglichkeit haben, von ihrer Arbeit zu leben bzw. ihrer Arbeit in ihrem Heimatland nachzugehen! Sprechen wir über die finanziell notorisch unterdimensionierten öffentlichen Zuwendungen für die freie Kunst- und Kulturszene, die in den meisten Fällen ohnehin nur über ein erhebliches Maß an Selbstausbeutung funktioniert! Und sprechen wir auch über einen genauso überdimensionierten Apparat namens Kulturbetriebe Burgenland (KBB), der sich zunehmend als ein finanzielle Ressourcen fressendes, bürokratisch ungelenkes Monster erweist denn als ein tatsächliches Entgegenkommen an die in diesem Land künstlerisch arbeitenden Menschen! Und hören wir auf, in Nächtigungszahlen über den vermeintlichen Erfolg einer Kulturpolitik zu sprechen!

Die Aufgaben einer engagierten Kulturpolitik liegen woanders als in einer fatalen Anbiederung an die Cashcow Tourismus, die der Kultur schlussendlich ihre Bedingungen diktieren wird, wie ihr das passt! Wohin dieser Weg führen kann, sieht man u.a. in Hallstatt, Salzburg, Dubrovnik und Venedig.

Mit besten Grüßen
Peter Wagner
Freier Autor und Regisseur

 

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