Eine Partei für die Zukunft

© PCP Manifestation in Lisboa

100 Jahre, 100 Aktionen Zum Hundertjährigen Gründungsjubiläum feiert die Portugiesische Kommunistische Partei Partido Comunista Português PCP hundert Feste für Freiheit, Demokratie und Sozialismus.

Von Henrietta Bilawer über 100 Jahre PCP Kultur- und Zeitgeschichte

Das erste Märzwochenende 2021 war ein landesweiter Kampftag für die Rechte der Werktätigen, die Verbesserung der Lebensbedingungen für das portugiesische Volk. Allerorts wurde für den sozialen Fortschritt und gegen Ausbeutung und Verarmung demonstriert.

6. März 1921, Gründungstag der Kommunistischen Partei Portugals

Unter dem Eindruck der Oktoberrevolution in Russland 1917 und den Folgen des Ersten Weltkriegs entstand die ‘Partido Comunista Português’ (PCP) und konstituierte sich vor einhundert Jahren formell und institutionell, eine Dekade nach dem Ende der Monarchie. Im Land gab es zu Beginn des 20.Jahrhunderts eine sehr starke anarcho-syndikalistische Bewegung, aus der die Organisation als “revolutionäre Vertretung des Proletariats nach dem Vorbild der Bolschewiki” hervorging.

Noch im Gründungsjahr gab die Partei auch ihre eigene Zeitung heraus; ‘O Comunista’. Zum ersten Kongress der PCP, der erst im November 1925 stattfand, hatte die Partei an ihren Aktionsprogramm gearbeitet, das vor allem die portugiesische Kolonialpolitik verurteilte und eine Agrarreform forderte, die durch eine Regierung von Arbeitern und Bauern geführt werden sollte.

Nach und nach erlangt die PCP auch in den Gewerkschaften des Landes Einfluss und verdrängt die Anarcho-Syndikalisten. Der Militärputsch im Mai 1926, der die junge Republik in die Salazar-Diktatur führte, war auch ein schwerer politischer Rückschlag für die erst fünf Jahre alte PCP, die zu jener Zeit noch eine geringe Mitgliederzahl hatte. Der Umsturz beendete das legale Wirken demokratischer und auch revolutionärer Strukturen. Hunderte von Parteimitgliedern und Gewerkschafter werden verhaftet; in vielen Fällen folgt die Deportation der Männer und Frauen, die in der PCP aktiv waren. Die Parteizentrale wurde geschlossen, die Parteizeitung verboten, die Partei findet sich in der Illegalität wieder. Es dauert einige Jahre, bis Partei-Mitglieder und Gewerkschafter die PCP im Untergrund reorganisieren und in Gewerkschaften, aber auch in der Armee und der Marine zu wirken, wo ein militärischer Arm aufgebaut wird.

Am 15. Februar 1931 erscheint die erste Ausgabe der Parteizeitung ‘Avante’ (Vorwärts)

Das Zentralorgan wird bis heute als Wochenzeitung herausgegeben. Anfang der 1930er Jahre organisiert die PCP einige umfangreiche Streiks, an denen sich vor allem Werft- und Hafenarbeiter in Lissabon und die Arbeiter der Glasfabriken von Marinha Grande beteiligen. Als Letztere am 18. Januar 1934 aus Protest gegen ein Dekret zur faktischen Entmachtung der Gewerkschaften spontan in den Streik treten und die Stadt besetzen, ruft die PCP im ganzen Land den Generalstreik aus, der jedoch scheitert.

In der Folge werden erneut zahlreiche Mitglieder verhaftet, gefoltert und viele von ihnen nach Timor, São Tomé und auf die Kapverdischen Inseln deportiert. Zahlreiche politisch Aktive werden von der Geheimpolizei PIDE ermordet. Bis 1940 werden alle Mitglieder der Parteiführung systematisch verhaftet. Andere gingen ins Exil – so nahmen 1936 portugiesische Kommunisten am spanischen Bürgerkrieg aktiv auf republikanischer Seite teil.

Inzwischen war auch die Druckerei der Partei beschlagnahmt; dennoch gelang es den Aktivisten, die PCP am Leben zu halten. Streiks prägen die folgenden Jahre und in der zweiten Hälfte der 1940er stieg die Zahl der PCP-Mitglieder stark an, trotz des Risikos, als Mitstreiter einer illegalen politischen Organisation verhaltet zu werden. Allein die Jugendbewegung erreichte eine Zahl von 20.000 Aktivisten. Agrarreform und Widerstand gegen die Kolonialpolitik bestimmten auch die folgenden Jahre.

Kampf für eine antifaschistische Revolution, notfalls durch eine bewaffnete Volkserhebung

Auf die Unterdrückung (fortgesetzte Verhaftungen von Frauen und Männern; manche waren über 20 Jahre lang politische Gefangene) reagiert die PCP mit militanter Programmatik und fordert ab 1965 unter ihrem damaligen Vorsitzenden Álvaro Cunhal eine antifaschistische Revolution notfalls durch “bewaffnete Volkserhebung” – ein deutlicher Unterschied zu den Programmen anderer kommunistischer Parteien in Europa.

Nach der Nelkenrevolution versuchte die PCP, den Kern dieses Programms in enger Allianz mit der “Bewegung der Streitkräfte” Schritt für Schritt umzusetzen, was bekanntlich nicht gelang. Bei den ersten freien Parlamentswahlen nach der Nelkenrevolution stimmten im Jahr 1975 zwar nahezu alle Wahlberechtigten ab (die Beteiligung lag bei über 91 Prozent), unter zehn Parteien, die sich zur Wahl stellten, kam die PCP mit rund 12,5 Prozent aber nur auf den dritten Platz hinter der sozialistischen Partei (PS; 37,9%) und der sozialdemokratisch-konservativen PSD (26,4%). Bei den letzten Parlamentswahlen 2019 erlangte die PCP 6,33 Prozent im parlamentarischen Bündnis mit den Grünen – beide Parteien treten seit 1987 als Wahlbündnis ‘Coligação Democrática Unitária’ (CDU) an.

Zu den Fotos: Großflächige Wandbilder mit Losungen und symbolischen Darstellungen der politischen Ziele gehören seit jeher zur Außenwirkung der PCP

Portugals älteste, ohne Unterbrechung tätige politische Organisation hat auch außerhalb der parteipolitischen Arena große Bedeutung – und zwar im Zusammenhang mit der Entwicklung von Kunst und Kultur, die durch die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Gesellschaftssystemen vermutlich so nie stattgefunden hätte, wie man bei einem Besuch im Museum für den Neo-Realismus in Vila Franca de Xira lernt (www.museudoneorealismo.pt). Mit der Diskussion über die Lehren von Marx und Engels sei „der Boden bereitet für den Neorealismus, eine der bedeutendsten kulturellen Strömungen des 20. Jahrhunderts in Portugal, der die Koordinaten des Handelns und Denkens neu definierte und einen neuen und fundamentalen Gegensatz zwischen dem kapitalistischen System und der kommunistischen Idee herausarbeitet.“

Literatur-Nobelpreisträger José Saramago wird PCP Abgeordneter im Rathaus von Lisboa

Obwohl in Portugal sehr lange ein im europäischen Vergleich hoher Bevölkerungsanteil weder lesen noch schreiben konnte, Entstanden in der Literatur Werke, die ein starkes soziales und politisches Bewusstsein demonstrieren. Das politische Engagement erobert das Werk namhafter Autoren dieser Zeit, wobei der Inhalt wird wichtiger wird als die Form. António Alves Redol (1911-1969), Mário Dionísio (1916-1993), Fernando Namora (1919-1989 – von ihm sind einige Werke auch auf Deutsch erschienen) oder Mário Braga (1921-2016) sind nur einige der für die Epoche repräsentativen Schriftsteller. Nicht zu vergessen auch Portugals Literatur-Nobelpreisträger José Saramago, der 1969 in die PCP eintritt und zwanzig Jahre später in dieser Funktion in die Stadtverordneten-Versammlung ‘Assembleia Municipal de Lisboa’ gewählt wurde.

Auch bildende Künstler zeigen in ihren Werken ihre politischen und gesellschaftlichen Überzeugungen, darunter der Bildhauer José Dias Coelho sowie die Maler Júlio Pomar, Rogério Ribeiro, José Lima de Freitas und Alice Jorge. Dahinter stehe „eine kollektive kulturelle Anstrengung, die ihrer Berufung zum Kampf gegen das Regime folgte und der Verbreitung der politischen Ideen großen Auftrieb gab“, heißt es im Museum in Vila Franca de Xira.

Interessant ist, dass mit der Nelkenrevolution die literarische Produktion zunächst zurückging und zahlreiche theoretische und politisch geprägte Werke entstehen. Schon vorher, nämlich ab 1968, gab es eine deutliche Aktivität portugiesischer Verlage gegen das Regime. Der Auftrieb für das geschrieben Wort begann in den letzten Jahren des Salazar-Regimes und dauerte nach der Nelkenrevolution an: Zwischen 1968 und 1980 gab es 137 portugiesische Verlage, die politische Bücher veröffentlichten.

Henrietta Bilawer stammt aus Köln, lebt in Portimao an der Algare im Süden Portugals. Sie ist Journalistin, Übersetzerin, Lektorin und Dozentin.

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