„Quetsch’n” Feierabend eines Tonkünstlers

Otto Lechner in der Leopoldstadt.

Otto Lechner ■ Geburtstagsfest zum 60er. Widerstand der Luft und des Mondes.

Von Karl Weidinger

Vollmond über der Leopoldstadt. Zwischen dem alten Stadtgemäuer steht der Himmelskörper milchig weiß und kitschig fett. Der Erdtrabant erstrahlt voll im schummerigen Glanz. Wie wenn er den Abend im Hamakon Theater im Nestroyhof eine besonders gespenstische Note verleihen möchte. Das passt zu Kafka, Franz Kafka, dessen hundertster Todestag anno 2024 rauf und runter zelebriert wird.

Otto Lechner hat ebenfalls Jubiläum, Geburtstag den 60sten

Zu diesem Behufe hat er sich in einen schönen Anzug gewandet, das Akkordeon umgeschnallt. Wie immer, seit mehr als einem halben Jahrhundert. Hat aber nix mit seinem Wiegenfest zu tun. Erfreulich auch, dass die ganze Veranstaltung im Theater ohne „Happy-Birthday“ Anbiederung gesanglich abgehen wird. Stattdessen gibt es ein kleines Buffett vom Lokal Kent. Ottos Hut mit den markanten Streifen hätte er auch so aufgesetzt, ohne Sechziger. Die Kopfbedeckung wird er den ganzen „Feierabend“ aufbelassen. Ein paar Längsstreifen hat das schicke Utensil als reine Verzierung, wie das Cover beim Pink-Floyd-Album „Dark Side of the Moon“.

Zum Kafka-Finale in Ottos Version wird das auch akustisch erstrahlen. Der Mond ist ganz wichtig. Nicht nur bei Kafkas Erzählungen und dem Kultalbum von Pink Floyd. Doch vorher gilt es den „Widerstand der Luft“ zum Schwingen, Vibrieren, Ertönen zu bringen. Mit der Stimme, mit dem Akkordeon.

Ein Blick in die Künstlerbiografie: Otto Lechner war von Geburt an schwer sehbehindert, schließlich erblindete er und entschied sich mit fünfzehn Jahren gegen weitere Operationen. Bereits mit vier Jahren quetschte er Akkordeon im Wirtshaus, später bei Hochzeiten oder bei den Hauern in der Wachau. Lechner hat dazu beigetragen, die „Quetschen“ (nicht despektierlich gemeint) in Österreich besonders populär zu machen. Er gilt auch als einer der Wegbereiter für Friedl Preisls Akkordeonfestival, das es nun bereits seit genau einem Vierteljahrhundert gibt.

„Während wir mit gebogenem Leib allein bleiben, uns dann umschaun, aber nichts mehr sehn, auch keinen Widerstand der Luft mehr fühlen.“ – Franz Kafka, Erzählungen

Der Saal verdunkelt sich. Der Mond bleibt draußen in den altvaterischen Häuserschluchten. Die Luft bewegt sich leicht. Kein Widerstand zu vernehmen. Es beginnt.

Ein erhebender Vortrag mit gebogenem Leib. Das Instrument umgeschnallt, sitzend. Die Tastatur rauf und runter georgelt. Der Blasebalg vollgesogen, ächzend und kummervoll. Der frisch 60 gewordene Tonkünstler in seinem Element. Der Name Akkordeon geht zurück auf den Wiener Instrumentenbauer Cyrill Demian, der sein Handbalginstrument durch Hinzufügen von Akkordtönen zu den wechseltönigen Melodietönen veränderte und unter dem Namen Accordion (1829) patentieren ließ.

Der Virtuose Otto Lechner trommelt, pumpt, hämmert in die Tasten

Die Bässe steigern sich, schwellen bedrohlich an. Der Titel des Programms lautet: „Nicht einmal gefangen“.
Durch dessen dystopischen Texte über „Das Urteil“, „Die Verwandlung“ oder „Bericht für eine Akademie“ erlangte Franz Kafka Kultstaus und wurde zu einem der wichtigsten Schriftsteller, nicht nur für den deutschsprachigen Raum, obwohl Kafka mit nur 41 Jahren anno 1924 verstarb.

Otto Lechner vertont auch live wieder gekonnt Kafkas Fragmente. Er rezitiert Stellen aus Tagebüchern oder führt ganze Erzählungen wie „den Landarzt“ im Alleingang mit seinem umgeschnallten Harmonium auf. Neben dem reinen Text in schlafwandlerisch sicherer Sprache gibt Otto die beklemmende Stimmung der Werke auch mit seinem Akkordeon als einzigartiges Klangerlebnis mit Hörspielcharakter wider. „Die Vorgangsweise ist unkompliziert: Suche ich mir ein paar Texte aus, lerne sie auswendig, improvisiere mir eine Musik dazu, füge noch frech ein paar meiner selbstgemachten Dialektlieder dazwischen.“

Und wie kam es dazu? Vor 40 Jahren, mitte der 1980er-Jahre hat ein Schulkollege aus dem Stiftsgymnasium Melk anlässlich des zwanzigsten Geburtstages einige Erzählungen Kafkas für den blinden Mitschüler Otto auf Kasette aufgenommen.

Der Jubilar in eigenen Worten: „In scharfem, bitteren Ton haben mich Josef und Franz, also Hader und Kafka, in der Strafkolonie zurückgelassen: vor dem Gesetz zittern und immer mehr vom Schnee überhäuft, immer unbeweglicher werdend stehen lassen. Dabei habe ich aber immer auch lachen müssen. So wird ja auch von Kafka berichtet, dass er viel gelacht hätte, als er seine Texte im Freundeskreis vorgelesen hat.“ Der Schulkollege damals war der später sehr erfolgreiche Kabarettist Josef Hader. Zu Beginn ihrer Karrieren sind beide noch gemeinsam aufgetreten.

Otto Lechner begleitete Josef Hader bei den ersten Gehversuchen

Jetzt sagt Otto und erinnert sich: „Franz Kafkas Erzählungen beschäftigen mich nun bereits 40 Jahre lang. Auf der Suche nach neuen Improvisationsformen für das Akkordeon habe ich mir immer wieder Fragmente, Stellen aus den Tagebüchern oder ganze Erzählungen gefunden, in denen ein Ich vorkommt oder spürbar wird, an dessen Stelle ich mich als Sprecher setzen kann und dessen Stimmungen das Akkordeon verdeutlicht oder ad absurdum führt.“

Auch der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich, ein halbes Leben ist es schon her. Eine Story, ein Interview für den UHUDLA, die Zeitung in der Mitte der 1990er-Jahre. Otto in seinem Humor sagte als knapp Dreissigjähriger mehr als selbstironisch, „Uhudler macht mir nix mehr, weil blind bin i eh schon“. Dazu passt auch die Anekdote, die er seinerzeit dem UHUDLA anvertraute. „Mir haben sie damals den Blindenhund weggenommen, weil i soviel geraucht habe. Das war dem Blindenhund nicht zuzumuten. Tierschutz.“

Otto lebt seit 1987 in Wien auch ohne Blindenhund und trägt den Spaßtitel „Bürgermeister der Augartenstadt“. Seit 2007 hat er am Kamp in Niederösterreich mit seiner Lebensgefährtin Anne Bennent, einer Schweizer Schauspielerin, Sängerin und früheren Burgtheater-Schauspielerin, ebenfalls einen Lebensmittelpunkt. Beide sind Eltern eines gemeinsamen Sohnes, der nun schon etwa 20 Jahre alt ist. Das Paar lernte sich bei einem Verlagsfest kennen, das beide ursprünglich gar nicht besuchen wollten. Er gestaltet mit ihr Aufführungen, in denen Literatur und Musik verbunden werden.

Es ist also angerichtet für weitere 60 Jahre. Möge der Mond nie verbleichen und der Widerstand der Luft nie verstummen.

 

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