Summertime Blues in Meidling

© Karl Weidinger. Kamele in Wien Meidling

Renaturierung oder Klimawandel Volle Erwärmung in Wien, aber Renaturierung ist angesagt. Zumindest nicht hier. Heiß, tropisch und exotisch brutzelt die Gürtelwüste. Genau dort, wo Meidling auf Margareten trifft. Die Adresse der Stadtflanerie lautet Eichenstraße 1, gegenüber der alten Remise der Badner Bahn. Noch Oase, bald schon George-Soros-Universität.

Stadtflanerie unterwegs von Karl Weidinger

Unternehmer Soravia lässt hier alles verbauen, was nicht bis 3 auf den Bäumen ist. Was für Bäume? Hier vor dem Frachtbahnhof Matzleinsdorf wird gentrifiziert, was das Zeug hält, auch wenn der Bürgermeister gerne von „Renaturierung“ spricht. Hört sich besser an, als Bahnanschluss und Bodenversiegelung.

Bis 2028 wirdam Rande von Meidling der Campus der George-Soros-Universität (abgekürzt CEU) erbaut. Dann ist auch die nahe U-Bahn mit Knotenpunkt Matzleinsdorferplatz schon fertig gestellt. Soll sein, sagt man, Aufwertung inklusive. Nix Renaturierung. Dabei wird der Grund eher noch teurer, statt billiger. Vorbei die Zeit des roten erschwinglichen Wiens mit leistbarem Gemeindebau. Aber noch sieht man nix davon. Noch baden hier die Kamele im Sand und fühlen sich wohl.

Eine Oase im heißen Sand der Gürtel Beton-Wüste

Der Zirkus Kaiser hat hier seine Zelte aufgeschlagen – im wahrsten Sinn des Wortes. Mit dabei ein paar Kamele, neben Pferden und Alpakas. Die TierschützerInnen haben auch schon protestiert. Die täglichen Aufführungen im Zirkus wären zuviel des Guten, sagten sie im Vorjahr. Stress. Lärm und Gürtelwüste sowieso. Die Trampeltiere sind hier schon Stammgäste. Kommen regelmäßig. Die Alpakas gehören – wie die Lamas – auch zur Familie der Kameliden. Im Vorjahr sind sie ausgebüxt und haben die CityLine (früher Schnellbahn) lahmgelegt.

Kamel als Fahrzeug, als Fortbewegungsmittel. Wie sie jetzt wirklich richtig heißen, ist eh wurscht. Auf dem Tschickpackel der Marke Camel ist jedenfalls kein Kamel zu sehen. Eher ein Trampeltier (komischer Name) oder Dromedar, was soviel bedeutet wie „schneller Läufer“. Auch schneller „Säufer“ wäre passend. Angepasst an trockene Habitate, sind Temperaturschwankungen von 70 Grad im Tageswechsel ganz normal. Das geht von minus 30 Grad Celsius bis plus 40 Grad Celsius. So schlimm ist es hier im Meidlinger Grenzbereich noch nicht. Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, heißt es in der Bibel. (Ein Übersetzungsfehler, weil „kamilos“ ist das Schiffstau, das als Gleichnis besser zum Einfädeln in eine Öse passt.)

Wie viel kostet so ein Viech? Hängt von Alter, Zustand und Größe ab. Auf „willhaben“ ist noch keines eingestellt. Ein gutes Lastenkamel kann zwischen zwei und zehn Tausender kosten (in Euros), also etwas mehr als ein Elektro-Lastenrad. Und Kamelrennen gibt es in der Golf-Region schon viel länger als Fußball, dort quasi der Nationalsport. Dabei treten verschiedene „Rennställe“ (selten war der Name zutreffender) gegeneinander an, pilotiert von Kinder-Jockeys. Sehr arme Halbwüchsige aus noch ärmeren Ländern wie Indien oder Pakistan. Es ist wie in der Formel 1. Weniger Gewicht = mehr Speed. Seit 17 Jahren aber sind Kinderreiter im Wüstenstaat Quatar verboten.

2024 ist das Jahr der „Wüstenschiff” Kameliden

Kamele sind strikte Veganer, fahren tagelang auch ohne Wasser auf Reserve. Der Verbrauch ist äußerst gering, weil sie so sparsam mit dem kostbaren Nass haushalten. Und selbst die Qualität des Treibstoffs ist nicht entscheidend. Kamele spuren auch wenn sie brackiges oder salziges Wasser getankt haben. Die Tiere aus der Wüste sind ausgesprochen klug und besitzen faszinierende Fähigkeiten. Sie überstehen extreme Durststrecken und kommen drei Wochen ohne Wasser aus. Dafür können sie in wenigen Minuten 150 bis 200 Liter volltanken. Kamele ertragen einen Wasserverlust von 40 Prozent ohne gröbere Defekte. Das Minus im Spritbereich gleichen sie binnen kürzester Zeit voll aus, wenn die Karawane eine Oase, also Tankstelle, erreicht – wie hier in Meidling.

Die Schwielensohler wiegen etwa eine halbe Tonne. Im Gegensatz zu den anderen Paarhufern wie den hochnäsigen Giraffen bewegen sie sich im Passgang fort. Es wird immer abwechselnd das linke und rechte Beinpaar bewegt. Aus diesem Grund werden sie auch „Wüstenschiffe“ genannt, da sie ihre ReiterInnen durchs Gelände schaukeln. Die Tiere haben einen langen Hals, auf dem ein langgezogener Kopf sitzt. Als Schutz vor dem Wüsten-Wetter sind die Augen mit großen Lidern mit langen Wimpern versehen, und die Nüstern können verschlossen werden. Das hilft gut gegen Sandstürme und heftigen Verwehungen. Am unteren Ende stehen zwei Zehen, die statt mit Hufen mit schwieligen Polstern versehen sind. Die Höcker dienen entgegen der landläufigen Meinung nicht als Wasser-, sondern als Fettspeicher.

Sie wachsen bis zu drei Metern hoch und erreichen eine Schulterhöhe von etwa zwei Metern, was das Aufsitzen erheblich erschwert. Deswegen liegen sie vor dem Start betriebsbereit im Sand. Die Farbe des Fortbewegungsmittels variiert von sandgrau bis dunkelbraun, am längsten sind die Haare im Nacken und auf der Kamelbrust. Das erspart den Sicherheitsgurt beim Anhalten. Während des Winters haben sie ein ausgesprochen dickes, dichtes und langes Fell, das bei Ansteigen der Temperaturen so schnell abgestoßen wird, sodass die Tiere oft einen zerlumpten Eindruck erwecken. Auch der strenge Geruch leistet dazu einen Beitrag.

Das Dromedar existiert nur mehr als domestizierte Art. Die Wildform ist nicht mehr anzutreffen. Von freilebenden Trampeltieren gibt es nur noch Restbestände in China und der Mongolei. Alles in allem spricht man von etwa 2,5 Millionen Exemplaren weltweit. Und ein paar davon haben sich nach Meidling auf das Gelände der zukünftigen Soros-Universität (abgekürzt CEU) und in die Hofburg des Jahres 2024 verirrt.

Die Hofburg, ein Reservat für Kamele

Die Hofburg zu Wien war vom 13. Jahrhundert bis 1918 die Residenz der Habsburger in Wien. Darin sind die Nationalbibliothek sowie verschiedene Museen und das Bundesdenkmalamt untergebracht. Seit 1946 ist sie der Amtssitz des Österreichischen Bundespräsidenten. Niemand darf sagen, dass unsere höchsten Würdenträger etwa Kamelide (perfekt gegendert) sind. Weil sie so nützlich sind, sind sie seit ewig treue Begleiter der Menschheit auf leisen Sohlen. Das begann mit den Urkamelen Nordamerikas, die – typisch Mensch – jetzt ausgerottet sind. Bleibt das Reservat Meidling und die Hofburg auf dem baldigen Uni-Campus.

Kamele sichern bis heute das Überleben der Kulturen. Die Erzeugnisse werden in der Medizin, der Ernährung und der Textilindustrie sehr geschätzt. Was hinten runterfällt, lässt sich trocknen und als Brennstoff für kalte Wüstennächte nützen. Die Produkte sind begehrt und überlebensnotwendig, ihre Milch getrunken und ihr Fleisch gegessen, das Kamelfett wird zum Kochen benutzt und aus dem Fell werden Bekleidung oder Decken gefertigt. Kamele sind gesamtaktive Veganer und können bis zu 50 Jahre alt werden. Als höchstzulässige Nutz- und Tragelast werden etwa 200 Kilo angegeben. Laut berühmter „Kamel-Fatwa“ schafft ein gesundes, ausgeruhtes Tier etwa 80 Kilometer an einem Tag. (Diese Kamel-Fatwa besagt, dass sich niemand weiter weg vom Heimatort aufhalten soll, als ein Kamel an einem Tag zurücklegen kann). Also gerade richtig für Meidling und/oder die Hofburg. Wenn hier die „Renaturierung“ – also Vollverbauung, sprich Gentrifizierung – so rasant weitergeht, ist es mit den Kamelen hier im Sand längst vorbei. Wie auch mit den Rindviechern in Wien, 70 an der Zahl soll es davon noch geben.

Karl Weidinger ist Stadtflaneur und hat 8 Hörbücher zu den jeweiligen Bezirken gestaltet.
Link www.stadtflanerien.at

Text zum Foto oben: Nur etwa 70 Rindviecher gibt es noch in Wien, bald schon mehr Trampeltiere hier – im Hintergrund der Metzleinsdorfer Hof, ein berühmter Gemeindebau, demnächst wird hier ein Uni-Campus errichtet.

INFO

Die Vereinten Nationen haben 2024 zum „Jahr der Kameliden“ erklärt. Da sind Dromedare, Trampeltiere, Lamas und Alpakas mitgemeint. Das Weltmuseum Wien präsentiert „Auf dem Rücken der Kamele“ im Hofburg-Komplex, täglich (außer Montag) von 10 bis 18 und am Dienstag von 10 bis 21 Uhr (noch bis Ende Jänner 2025). Standort ist am Heldenplatz, wo historisch betrachtet schon andere Trottelige auftraten. Der Eintritt zum Vollpreis beträgt 16 Euro ermäßigt.

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