Stimme des Volkes der Lusiaden

Luis de Camões ■ Bemerkungen der Portugiesischen Kommunistischen Partei PCP zur 500-Jahrfeier der Geburt von Luís de Camões. Er wird als Nationaldichter Portugals verehrt.

Avante!, Nr. 2637 vom 13. Juni 2024 übersetzt von Bruno

Der Todestag des Dichters, der 10. Juni, ist portugiesischer Nationalfeiertag.

1.
2024 wird an die Geburt von Luís de Camões vor 500 Jahren gedacht. Dessen Werk ist untrennbar mit einer sich im Umbruch befindlichen Welt verbunden und Sinnbild eines fortschrittlichen Humanismus.

2.
Person und Werk von Camões wurden vom Faschismus missbraucht, der versuchte, ein ideologisches Deckmäntelchen für sein grauenvolles Regime zu finden, indem er beides als Propaganda für seinen faschistischen Nationalismus und sein kolonialistisches System benutzte. Camões, „Die Lusiaden“ (Os Lusíadas), der 10. Juni (den man symptomatisch und zweckentfremdet als „Tag der Rasse“ bezeichnete) wurden in krimineller Weise dazu benutzt, Obskurantismus, Bewusstseinsmanipulation und Zensur zu fördern, um das portugiesische Volk mit Hilfe von verschiedenen Methoden der ideologischen Kontrolle mit Repression und Terror zu überziehen.

3.
Demgegenüber ist aber ein ganz anderes Verständnis von Camões und seinem Werk geschuldet. Camões hat in unserer Kulturgeschichte einen sehr hohen Stellenwert. Arbeiterklasse, arbeitende Bevölkerung, das portugiesische Volk und seine Künstler haben das Recht und die Pflicht, den Zugang zu seinem Werk, dem fortschrittlichen Sinn, den es verkörpert, und einer umfassenden Einschätzung von Zeit und Welt, in der Camões lebte, zu fördern und schöpferisch zu bereichern. Wie Óscar Lopes (berühmter portugiesischer Literaturkritiker; Anm.d.Übers.) schrieb: „Man kann Camões und seine würdige, menschliche Größe nur verstehen, wenn man sein Werk in den Zusammenhang mit dem jahrhundertelangen Kampf stellt, den das portugiesische Volk sowie viele andere Völker gegen die feudale, kapitalistische und kapitalistisch-imperialistische Ausbeutung führten. Einen Kampf für wirkliche Selbstbestimmung, einschließlich wirtschaftlicher und kultureller, den das portugiesische Volk und mit ihm alle Völker der Welt heute gemeinsam, indem sie sich die Hand reichen, frei und ungehemmt führen können.“

4.
Camões und sein Werk sind heutzutage Weltkulturgut. Übersetzt in viele Sprachen wird es in verschiedenen Teilen der Welt studiert, vorgestellt und in den eigenen Kanon übernommen. Der Dichter ist auch heute noch ein bedeutender Name der Literaturgeschichte. Er war ein bedeutender Künstler seiner Zeit, der nicht von den Mächtigen und Privilegierten protegiert wurde. Camões ist ein Dichter des Volkes und des portugiesischen Heimatlandes, wegen der Art und Weise, wie er über ein historisches Ereignis, die Weltentdeckungen, nachdachte und wie er als Wortschöpfer und Schöpfer syntaktischer Gestaltung die Ausdrucksformen der portugiesischen Sprache weiterentwickelte und bereicherte.
Camões ist ein Dichter der Renaissance, einer Epoche der Lopreisung des menschlichen Gestaltens gegenüber dem Göttlichen und dem Obskurantismus, in einer sich im Übergang befindlichen Welt, wo sich ein neues philosophisches und wissenschaftliches Denken herausbildet, welches verbunden ist mit der Beobachtung der Natur und Erfahrungswerten, was die reaktionären Kräfte jener Zeit, namentlich mit Hilfe der Inquisition, zu unterdrücken und einzugrenzen suchten.

Eingebunden in das fortschrittliche portugiesische Denken seiner Zeit versucht Camões, dialektisches Denken in seinem Werk zu verankern, wovon folgendes Sonett zeugt:  „Die ganze Welt ist im Umbruch begriffen / sie nimmt immer fortschrittlichere Formen an“ – Kritik an der Ungerechtigkeit – „Man kann sehen, wie jene, die den Armen / göttliche Liebe und dem Volk Barmherzigkeit schulden, / nur Macht und Reichtum lieben, / Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit nur vortäuschen. / Mit wüster Tyrranei und strenger Härte / machen sie Gesetze und dreschen hohle Phrasen; / Gesetze zugunsten des Königs werden erlassen; / jene zugunsten des Volkes können warten.“ (Die Lusiaden, 9. Gesang, Strophe 28) – während er gleichzeitig die Bedeutung der Entdeckerzeit hervorhebt und das Wissen aus den gemachten Erfahrungen wiedergibt.

Die geopraphischen Entdeckungen haben einen sehr hohen geschichtlichen Stellenwert bei der Entwicklung des kritischen Geistes, der Erweiterung des Erfahrungshorizonts und auf der Suche nach neuem Wissen, namentlich auf dem Gebiet der Geographie, der Astronomie, der Naturwissenschaften, der Kartographie, der Navigationstechnik, wobei Wissenschaft und Technik verbunden werden. Dieser Entwicklungsprozess wurde allerdings darauf folgend von den herrschenden Klassen missbraucht, um für Jahrhunderte eine brutale Ausbeutung vieler anderer Völker zu etablieren. Sklaverei und der Handel mit ihnen waren die Folge der Unterwerfungs- und Eroberungskriege, während aber auch gleichzeitig das portugiesische Volk unter ihrer Herrschaft und der Ausbeutung litt. „Aber schon auf den Segelschiffen / drehen fleißige Arbeiter an der Spille / und in Gruppen eingeteilt / holen sie das Ankertau ein / oder schuften am Kai.“ (Die Lusiaden, 9. Gesang, Strophe 10).

5.
Die Beteiligung der portugiesischen kommunistischen Partei an den Gedenkfeierlichkeiten zum fünfhundertsten Jahresjahr der Geburt von Camões ist ein unverzichtbarer tatkräftiger Beitrag unseres Volkes an diesen Gedenkfeiern, wodurch zu einem besseren Verständnis, der größeren Verbreitung, dem individuellen Genuss des Werkes unseres großen Dichters beigetragen wird. In der Tat spielt das Recht auf Kultur eine wichtige Rolle bei den Zielen der PCP. Sie hält Kultur für einen der vier Grundpfeiler einer fortschschrittlichen Demokratie, die auf den Werten der Nelkenrevolution beruht. Eine zugleich politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Demokratie, wobei die Kulturpolitik sich ausrichtet an der Bewahrung, dem Studium und der Verbreitung des nationalen, regionalen und lokalen Kulturschatzes. Dabei sollen sowohl gelehrte wie volkstümliche, traditionelle wie aktuelle Werke im Rahmen von Bildung, Wissenschaft und Kultur als strategische Bestandteile für eine umfassende Entwicklung unseres Landes zum Tragen kommen. Eine Demokratie, welche den Austausch mit anderen Völkern Europas und der Welt fördert, die sich offen zeigt für die schöpferische Aneignung der großen kulturellen Werte der Menschheit. Zugleich aber auch den Kampf gegen eine reine Vermarktung aufnimmt und sich gegen kulturelle Kolonisation wendet sowie dabei, in enger Zusammenarbeit mit den anderen portugiesischsprachigen Ländern, die internationale Förderung der portugiesischen Kultur und Sprache unterstützt.

6.
Mit dem Ziel, dem fünfhundertsten Jahrestag der Geburt von Luís de Camões zu gedenken, wird die PCP ein breitgefächertes Spektrum an Veranstaltungen anbieten, die im Laufe der Jahre 2024 und 2025 durchgeführt werden. Begonnen wird damit mit einer in Lissabon stattfindenden politisch-kulturellen Zusammenkunft Ende August und auf dem Avante!-Fest 2024.

7.
Die portugiesische kommunistische Partei appelliert an alle Menschen, Organisationen und Institutionen, damit sie mit ihrem breiten Engagement dazu beitragen, Camões und sein Werk zu würdigen. Ein Werk, das zu seiner Zeit in der historischen Entwicklung beim Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung eine Rolle gespielt und zur gesellschaftlichen Entwicklung beigetragen hat. Helfen sie mit, es in der heutigen Zeit zu verstehen und in diesem Rahmen, den portugiesischen Kulturschätzen, der portugiesischen Sprache, Kultur und Kunst, Kraft zu verleihen. Sorgen sie mit ihrem aktiven Beitrag dafür, dass das Werk von Luís de Camões dem Volk nahegebracht wird. So, wie Álvaro Cunhal zu den Gedenkfeierlichkeiten der PCP zum 400sten Todestag von Luís de Camões auf dem Avante!-Fest 1979 hervorgehoben hat: „Camões ist nicht die Stimme der Reaktion und des Kolonialismus. Camões ist die Stimme unseres Volkes, der Lusiaden, die Stimme des Widerstands gegen die Privilegien, die Stimme des sozialen und wissenschaftlichen Fortschritts, die Stimme der portugiesischen Nation im Sinne eines gehobenen Humanismus.“ Heutzutage ist es notwendig, sich allen Versuchen zu widersetzen und entgegenzutreten, Camões, in Ausnutzung des 500sten Jahrestages seiner Geburt, dazu zu benutzen, um rückständige und reaktionäre Ideen und Konzepte, wie Chauvinismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Kolonialismus und Neokolonialismus zu verbreiten.

Die PCP appelliert daran, in einem offenen, aktiven und in Kooperation mit den Kulturen der Welt durchzuführenden Prozess, die Werte der Souveränität und der nationalen Unabhängigkeit, der Zusammenarbeit der Völker zu verteidigen. Dies sind unverzichtbare Elemente des emanzipierenden Kampfes der Arbeiter und des Volkes gegen die kapitalistische Ausbeutung, für eine neue Gesllschaftordnung ohne Ausbeuter und Ausgebeutete, was Bestandteil des Kampfes zur Verteidigung der Werte der Aprilrevolution und deren Umsetzung in der Zukunft Portugals ist.

Luís Vaz de Camões  geboren 1524 oder 1525 vermutlich in Coimbra oder Lissabon; gestorben 10. Juni 1579 oder 1580 in Lissabon) gilt als einer der bedeutendsten Dichter Portugals und der portugiesischen Sprache. Sein Epos Die Lusiaden ist ein maßgebendes Werk der Renaissance. Außerdem gehört Camões zu den herausragenden Lyrikern Europas. Als Dramatiker im Portugal der Renaissance und des 16. Jahrhunderts steht er neben Gil Vicente, António Ribeiro und António Ferreira. Camões wird als Nationaldichter Portugals verehrt. Sein Todestag, der 10. Juni, ist portugiesischer Nationalfeiertag.

Bruno ist Aktivist der Linken Deutschsprachigen Freunde Lagos LDFL. Er hat den portugiesischen Avante-Text übersetzt.

Kommentar verfassen