Auf geht‘s zum Krebsefangen im Plötzgraben

© Martin Wachter. Der Krebs, Wahrzeichen von Oberpullendorf – Krebsler genannt.

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Leseprobe aus dem UHUDLA Heftl ohne Bezahlschranke und 64 Seiten für den Gratis Lesegenuss

Gerächt bis in den Tod, eine historische Erzählung. Es folgt eine archaische Episode über das Krebse fangen wie vor 100 Jahren.

Schau do liegt a Leich im Bachl – und a Krebs steckt im Maul

Montag Vormittag, 9. Juli 1923, Ferienzeit. Damit‘s den Kindern nicht fad wird, ist eine Aktion angesagt. Ein Delikatessen-Essen steht auf den Menüplan.
„Auf geht‘s zum Krebsefangen im Plötzgraben“. Der zwölfjährige Müllnersohn Lenz Bachler hat sich am Angerl beim Paller Edi mit ein paar Freunden verabredet. Gekommen sind Imre Kircher, Franz Fuchs, Seppi Schnabl und Pischta Paller Junior, der Nachbar von Lenz aus der Doppelmühle. Abmarsch in das einen Kilometer entfernte Gewässer mit zahlreichen Schalentieren.
Die kleine Nankl Böhm ist als einziges Mädl mit von der Partie. Sie trägt einen zehn Liter fassenden alten verbeulten Zinkeimer für den Transport des erhofften Fangs.
Es ist ein sehr heißer Ferientag. Die quecksilbernen Frösche zeigen 30 Grad im Schatten an. Da sind gekochte Fluß-Krabbeltiere ein willkommener, gschmackiger und leicht bekömmlicher Abendschmaus.
Beeren, Schwammerln, Fische und die doppelscherigen Schalentiere aus Wald und Bächen sind traditionell in der Lebensmittelversorgung als Gratis-Bezug im Piringer Alltag eingeplant.
Die kleine Gruppe jugendlicher Krebsefänger wandert bloßfüßig über die Reitwiesenbrücke, hundert Meter flußabwärts links der Rabnitz entlang bis zur Einmündung des Bächleins. Schuhe haben die Kinder nur in der Schule und beim Kirchgang an.
Der Wasserlauf im Plötzgraben ist nur wenige Kilometer lang. Zwei Drittel der Ufer des Rinnsals sind mit Hochwald bewachsen. Im letzten Drittel plätschert das Bächlein in einer leicht hügeligen Sumpf- und Wiesenlandschaft.
Beim Krebsefangen gilt ein ungeschriebenes Gesetz. Die Buben und die Mädel des GrabenErdls und des UnterErdls teilen sich die nicht verbrieften Fangrechte. Einmal die einen von links der Rabnitz, dann die anderen von der rechten Uferseite. Gemeinsam geht es nie.
Das Plötzgraben Bachl führt auch im Sommer Wasser und trocknet nicht aus. Es gibt reichlich Schalentiere für ein begehrtes Delikatessen-Essen.
Verschiedene Fangmethoden sind möglich. Die Krebse bewohnen lange Erdhöhlen im lehmigen Untergrund des Wasserlaufs oder tummeln sich in freigeschwemmten Wurzeln der Erlen und Weiden am Bachufer.
Im GrabenErdl und im UnterErdl gibt es ein paar Spezialisten, welche die Fangmethoden gut intus haben. Feig oder zaghaft sein bedeutet blutige und schmerzende Finger. Die Wunden heilen nicht schnell, entzünden sich sehr leicht, und das heisst für Fänger mindestens eine Woche Fangpause. Passiert die Bissverletzung während der Schulzeit, dann ist es eine große Mühe, das Schreib- und Zeichenwerkzeug zu halten.
Die einfachere Fang-Variante ist die im langen Schlammgang der Höhlen. Die Krebse bewegen sich rückwärts. Die beiden messerscharfen, harten Scheren sind der Erstkontakt mit den Fingerspitzen. In der Höhle ist es eng, da passen nur schmale Unter- und Oberarme hinein. Zuerst muss man nachschauen, ob überhaupt ein bissfreudiger Krebs in seiner Behausung wohnt. Nach dem Kontakt mit den Scherenspitzen folgt ein blitzschneller Rückzug des Arms des Fängers aus der Höhle. Dann heißt es Luftholen und versuchen, entlang der oberen Hälfte des Krebsganges mit den Fingern hinter die Angriffswerkzeuge des bedrohten Tieres zu kommen.
Die Krebse können sich mit ihren zwei zehn Zentimeter langen und gepanzerten Scheren nur nach vorne verteidigen. Hinter den zwei langen Barthaaren liegt der wunde Punkt und der tote Winkel der scharfen Beißerchen.
Da ist ein schnelles Zupacken für den Fänger und seine Finger die schmerzfreiste Fangvariante. Hat der Knabe die zum „V“ gespreizten Finger seiner Hand hinter den Beißzangen fixiert, dann ist es leicht, den Flußkrebs aus seinem Bau herauszuziehen.
Bei einer Höhlenlänge im Meterbereich muss der Kopf des Fängers unter die Wasseroberfläche tauchen. Manchmal sind diese lehmigen Krebshöhlen auch Verstecke von Ringelnattern und großen Erdfröschen. Die Schlangen, Frösche und Blindschleichen in der Nahrungskette der Krebse sind zum Glück nicht giftig. Die schlängelnden Kriecher haben trotzdem einen schlechten Ruf. Das ist der Grund für einige Buben, aus Furcht nicht aktiv am Krebsefangen teilzunehmen. Beim Verzehren des zarten, saftigen, weißrosa Fleisches der Schalentiere zählen sie dann aber schon zur schmatzenden Tafelrunde.
Im Vorteil sind Krebse, wenn sie im fließenden Gewässer leben. Unter dem verwinkelten und dichtverwachsenem Wurzelgeflecht der Uferbäume und -sträucher ist es eine besondere Leistung, die Tiere zu erwischen. Bei dieser Famgmethode ist für den Fänger mit mehr Bissverletzungen zu rechnen und die Fangquote ist geringer. Die gepanzerten Viecher sind in ihrem Element Wasser flink und fast nicht zu schnappen.
Aus der Rabnitz gibt es statt Krebsen manchmal eine von Hand gefangene Regenbogenforelle als zusätzliche Bereicherung für den Abendschmaus.
Zur Ehrenrettung dieser archaischen Fangmethode: Krebse mit hunderten Eiern unter dem Fächerschwanz werden wieder in die plätschernde Freiheit entlassen.
Denselben Vorteil haben die Artgenossen, die heroisch für ihre Freiheit kämpfen und dabei eine ihrer Scheren verlieren. Diese abgerissene Fangzange landet als schmackhafte Beute im Kübel aus Blech. Die abhanden gekommenen Scheren wachsen bei Krebsen in voller Größe nach. Gefangene Artgenossen mit nur einer Zange bleiben verschont und landen nicht im Kochtopf.
Essbar ist das weiße Fleisch der Scheren und das des dicken fetten Fächerschwanzes. Der Blecheimer, halbvoll mit Wasser, wird schnell mit gefangenen Bachkrebsen gefüllt.
Nach 500 Metern gelangt die kleine Schar der Krebsfänger in den sumpfigen Teil des Wasserlaufs. Im Bach staut sich das sommerlich-kühle Nass auf Kniehöhe. Die Wald- unf Wiesenlandschaft spiegelt sich an der Oberfläche des ruhigen Wassers.
Plötzlich hallt ein furchterregender Schrei durch das ringsum bewaldete Tal. Nach ein paar Sekunden ertönt das Echo aus dem oberhalb gelegenen Hochwald.
Der vorausgeeilte Müllersbub Lenz Bachler hat eine grausliche Entdeckung gemacht. Der Förster Janos Koth schwimmt rücklings auf der Wasseroberfläche. Aus seinem Mund ragt nur noch der Schwanz von einem Monsterkrebs. Etwas tiefer, wo einst der Tannenzapfen und die zwei Boggerln des Herrschers des Waldes und des Dorfes waren, klafft ein offenes, blutiges Loch, rundherum tummeln sich Krebse und nochmals Krebse.
Nach dem ersten großen Schrecken und Staunen tritt die Logik in der Fanggruppe ein. Mitleid mit dem Förster war von den Knaben nicht zu erwarten. Drei der fünf Krebsefänger waren am Sonntag Zeugen des kaltblütigen hinterhältigen Mordes am Anger GrabenErdl.
Kurzum: In Windeseile füllt sich der verbeulte Wasserkübel bis an den Rand mit frischer Beute. Das Abendmahl ist gerettet, der Fangtag wird vorzeitig beendet und der Heimweg angetreten.
„Der Ferschtl is hin, der Ferschtl is tot – der Ferschtl liegt im PlötzgrabenBachl”, verkündet aufgeregt, sich ständig wiederholend die kleine Nankl auf dem Dorfplatz im GrabenErdl. Die schnelle und ausdauernde Läuferin ist als Erste auf dem Anger. Nankl hat keine genauere Erklärung über den Tod des verhassten Jägers, genausowenig wie die Buben, die eine Viertelstunde später ankommen.
Die Todeskunde verbreitet sich wie ein Lauffeuer und nicht nur die GrabenErdler wollen Genaueres über das Ableben des Försters wissen.
Wären die Menschen wegen des Mordes an Gustl Hamer nicht so traurig, hätten die Piringsdorferinnen und Piringsdorfer ein Fest der Freude gefeiert. So verhasst war ihnen der Tyrann von Osterhazis Gnaden.
Zwei Stunden später, nachdem sich alle einigermaßen beruhigt haben, gibt es ein Festessen beim Müllner Lenz. Seine Mutter hat einige Dutzend Krebse gekocht.
„Heut gibt‘s Krebse nach Försterart”, scherzt der Fuchs Franzl. Johlendes Gelächter seiner Kameraden folgt.
Die durch das Sieden knallrot gewordenen Schalen landen von allen Richtungen kommend auf einen Haufen mitten auf dem Tisch. Die Überreste der verzehrten Köstlichkeiten wachsen zu einem Berg.

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