Das Volk und eine Gitarre

© Avante!, Nr. 2672. Carlos Paredes.

Erinnerung an Carlos Paredes Am 16 Februar 2025 wäre Carlos Paredes 100 Jahre alt geworden.

Von Bárbara Carvalho Avante!, Nr. 2672 vom 13. Februar 2025 übersetzt von Bruno

Wenn man die Geschichte der Portugiesischen Gitarre und der Musik des 20. Jahrhunderts betrachtet, kommt man an diesem schöpferisch Schaffenden und Virtuosen nicht vorbei. Mit seinem Werk lädt er uns ein, tiefer über Kunst, schöpferisches Schaffen und politischen Kampf nachzudenken.

Es gibt noch viel zu tun, um sein Werk in seiner ganzen Bandbreite zu analysieren. Aber auch so helfen uns seine aufgezeichnete Musik, Interviews mit ihm und einige jüngst wiederentdeckte Texte von ihm, seinen 100-jährigen Geburtstag würdig zu feiern und uns zum Nachdenken anzuregen, was sein schöpferisches Werk, seine musikalische Interpretation, sein Denken und seine Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei bedeuten, und wie eng das auch mit der heutigen Zeit verbunden ist.

Carlos Paredes wurde im Jahre 1925 in Coimbra als Sohn des Gitarristen Artur Paredes geboren und er fing bereits mit vier Jahren an, Gitarre zu spielen

Mit neun Jahren zog er nach Lissabon, wo er auf dem Gymnasium Passos Manuel zur Schule ging und später an der Technischen Hochschule studierte. 1949 wurde er Verwaltungsbeamter im Krankenhaus São José, ein Beruf, den er bis zum Ende seines Lebens beibehielt.

Im Jahre 1958, dem Jahr in dem er verhaftet wurde, trat er der portugiesischen kommunistischen Partei PCP bei. Er wurde zu 20 Monaten Gefängnis verurteilt, von denen er 15 Monate in den Kerkern Aljube und Caxias absaß; zudem wurde ihm für drei Jahre seine politische Betätigung untersagt. Er wurde als Beamter entlassen und konnte erst nach dem 25. April 1974 an seine Arbeitsstätte zurückkehren. Seine kommunistische Einstellung – bis zum Ende seines Lebens – beschränkte sich nicht nur auf seine Parteimitgliedschaft und seine Lebensform, sondern fand auch Ausdruck in seiner Musik und seiner Sicht der Kunst als Mittel zur gesellschaftlichen Veränderung, worüber er einige schriftliche Gedanken hinterlassen hat.

Die musikalische Laufbahn von Carlos Paredes begann mit der Veröffentlichung einer gleichnamigen LP, womit er sich von Anfang an als einer der größten Virtuosen der Portugiesischen Gitarre auszeichnete. In späteren Jahren wurde er damit beauftragt, für Kino, Theater und Tanz Musik zu komponieren, wodurch er Protagonist oder aktiver Teilnehmer an vielen Schöpfungen der portugiesischen Kunst der 60er Jahre und nachfolgender Jahrzehnte geworden ist.

Paredes erachtete Musik als eine Ausdrucksform, die tief verbunden mit dem Leben und der Wirklichkeit ist; Volksmusik und künstlerisches Schaffen als eine Form des Widerstands und der Veränderung. Dieses Kunstverständnis ist von großer Bedeutung, wenn wir an die Schaffung einer kollektiven Identität im demokratischen Portugal denken. Er lehnte eine Beschränkung und Instrumentalisierung der Musik auf städtische Zirkel ab und trug aktiv dazu bei, Musik im ganzen Land zu verbreiten und neu zu erfinden. Dies erreichte er hauptsächlich mit seiner Gitarre und seinen Kompositionen, aber auch durch das Mitteilen seiner Ansichten (im Avante!, in O Diário, bei Begegnungen mit Arbeitern und bei Initiativen der Partei) sowie mit seinen Beiträgen zur Verwirklichung des Konzerts Escolas e Mestres que o Povo criou (Musikalische Schulen und Meister, die das Volk schuf) auf dem Festa do Avante! 1977, über welches er schrieb:
„In unserem Land, wo die Mehrheit der Bevölkerung in Armut lebt, muss das arbeitende Volk, wenn es sich vergnügen will, mit seinen eigenen geistigen und handwerklichen Kräften in allen erdenklichen Formen etwas erfinden und schaffen. Das heißt für einfache Leute, dass Vergnügen bedeutet, ihren Frohsinn mit Arbeit zu verbinden, mit schöpferischem Tätigsein, mit geistiger Beschäftigung, mit beruflicher Erfahrung, mit lebendigen Traditionen. Das reicht vollkommen aus, damit das Fest, in seinem volkstümlichen Sinn, zu einem riesigen Treffen der Arbeiter mit ihrer von ihnen selbst geschaffenen oder übernommenen Kultur wird.“
Das soll nun nicht heißen, dass jedwede Kunst eine befreiende Wirkung in sich trägt, sondern dass das künstlerische Ziel eng verbunden sein muss mit der Wirklichkeit, sodass eine kollektive Identität aufgebaut werden kann.

Carlos Paredes, wurde wie’s mit anderen kommunistischen Künstlern geschieht, als gesellschaftspolitisches irrelevantes Genie heilig gesprochen

Diese Betrachtungsweise reduziert diesen Mann auf eine eigenbrötlerische Figur, die nur auf seine Gitarre fixiert ist, eine Art Eremitendasein. Mit dieser Art gesellschaftlicher Betrachtung eines Genies will die kapitalistische Klasse politisch engagierte Künstler mit einem gesellschaftsverändernden Potential ihrer Kunst zur Bedeutungslosigkeit verdammen. Auf einer zweiten Ebene will sie seine Musik des Inhalts entleeren, eines Inhalts, der entscheidend dafür ist, dass wir seine Musik verstehen können und seinen Appell mitbekommen.
Es ist diese falsche Dichotomie zwischen Form und Inhalt, auf welche die herrschende Ideologie zurückgreift, um die Musik von Paredes zu entpolitisieren. Sie beschränkt seine Genialität auf die kreative Form und die meisterliche Beherrschung der Gitarrentechnik, als ob diese getrennt von den materiellen Lebensbedingungen betrachtet werden könnten.

Wenn wir bei Paredes einen plötzlichen Rhythmuswechsel hören oder einen unerwarteten Wechsel von einer Tonart in eine andere, so müssen wir uns darauf einstellen und bei dieser Reaktion sprechen uns sowohl Form als auch Inhalt an. Es ist nicht sicher, dass Paredes bei seiner Einteilung in rhapsodische Abschnitte die Absicht hatte, eine erwartbare melodische und rhythmische Linearität zu brechen oder ob im Canto de Trabalho (Arbeitslied) jedes Segment eine unterschiedliche Arbeitsrealität wiedergibt, aber Musik konkretisiert sich beim Hören und eine Musik, die aus dem wirklichen Leben entspringt, verlangt ein aufmerksames Zuhören, das in der Lage ist, zu reagieren und über mögliche Interpretationsmöglichkeiten nachzudenken. So eine Musik kann nicht auf einen inhaltsleeren Kanon reduziert werden.

Ebenso hat sich das Werk von Paredes in den letzten Jahrzehnten verewigt durch die Interpretationen und das künstlerische Schaffen einer Reihe von Musikern, sowohl bei der Portugiesischen Gitarre als auch bei verschiedenen anderen Instrumenten und musikalischen Ansätzen. Fest verwurzelt mit der Zeit und den Umständen, in denen sie entstanden ist, schafft es seine Musik jedoch, mit den unterschiedlichen Epochen, Sprachen und Ausdrucksformen zu korrespondieren und die künstlerische und kulturelle Entwicklung unseres gemeinsamen musikalischen Schatzes zu beleben. Damit ist sie ein Vermächtnis, das sich in seiner materiellen und kollektiven Dimension seiner Kunst fortsetzt.

Die Gedenkfeiern zum hundertjährigen Geburtstag von Carlos Paredes – welche die PCP unter dem Motto „O Povo e uma Guitarra“ (Das Volk und eine Gitarre) – durchführt, sollen dazu beitragen, dass dieses Veränderungspotential der Kunst und das Vermächtnis von Paredes zu einem integralen Bestandteil eines kollektiven Verständnisses wird. Einerseits das Volk, das seiner Musik Gestalt verlieh und in ihr seinen Ausdruck fand, während es gleichzeitig der Adressat seines Werkes war; andererseits eine Gitarre, die für Widerstand, Freiheit und Kreativität steht.

Bruno ist Aktivist der Linken Deutschsprachigen Freunde Lagos LDFL. Er hat den portugiesischen Avante-Text übersetzt.

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