Buchkunst und Piraterie


Welttag des Buches Der 23. April ist ein symbolischer Tag für die Weltliteratur: Es ist der Todestag von Miguel Cervantes, dem Schöpfer von Don Quixote und ebenso von William Shakespeare: Beide verstarben am selben Tag des Jahres 1616, heute vor 405 Jahren.
Von Henrietta Bilawer
Die UNESCO hat das Datum zum Welttag des Buches und des Urheberrechts gemacht, um insbesondere jungen Menschen die Bedeutung von Literatur und Lesen zu vermitteln.
In der spanischen Provinz Cataluña wird seit fünfzig Jahren am 23. April jeder Käufer jede Käuferin eines Buches mit einer Rose beschenkt

In diesem Jahr wird in der Welt der Literatur nahezu 160 Schriftstellern und Schriftstellerinnen gedacht, deren Geburts- oder Todestage sich zu runden Zeiträumen jähren.Darunter Friedrich Dürrenmatt, Wolfgang Borchert und zwei meiner Lieblingsdichter: Erich Fried und Georges Brassens oder die Krimi-Virtuosin Patricia Highsmith, Ilse Aichinger sowie der Meister der Science Fiction, Stanisław Lem, die alle vor 100 Jahren geboren wurden, und Theodore Dreiser, Paul Valéry, Marcel Proust, Heinrich Mann und Christian Morgenstern, die vor 150 Jahren geboren wurden.

Charles Baudelaire, Gustave Flaubert und Fjodor M. Dostojewski (der Porträtist des Menschlichen und der Seele schlechthin und der vielleicht größte Meister der Stilistik) kamen vor 200 Jahren zur Welt; der Fabel-Dichter Jean de la Fontaine vor 400 Jahren. Goethe schreibt ‘Wilhelm Meisters Wanderjahre’ vor 200 Jahren und vor 150 Jahren erscheint Charles Darwins Studie über ‘Die Abstammung des Menschen’ – und da es am heutigen Tag auch um Urheberrecht geht: Die Werke der 1950 verstorbenen Literatur-Giganten George Orwell und George Bernard Shaw sind seit Anfang 2021 gemeinfrei.

Zu der Zeit, als William Shakespeare, einer der Anlassgeber des Welttags des Buches, gemeinsam mit fünf weiteren Theater-Enthusiasten mit dem Bau seines Globe Theatre am Londoner Themse-Ufer beschäftigt war, machte einer seiner Landsleute die Weltmeere unsicher und suchte auch die portugiesische Küste heim: Francis Drake, Freibeuter im Namen und in Diensten seiner Königin Elizabeth I., nahm auf seinem Raubzug entlang der iberischen Südküste vom spanischen Cadiz und quer durch die Algarve bis Sagres alles mit, was auf den ersten Blick wertvoll zu sein versprach.

Gegenstände in Kirchen und Synagogen waren die bevorzugte Beute von Francis Drake – und gerade dort befanden sich wertvolle Bücher. Der Verein ‘Faro 1540’, der sich dem Schutz und der Bekanntmachung des lokalen Natur- und Kulturerbes verpflichtet hat, bemüht sich um die Rückführung von 91 Büchern, die Robert Devereaux, der mit Francis Drake segelte, im Jahr 1596 aus der Bibliothek von Fernando Mascarenhas in Faro entwendet hat. Mascarenhas war damals ein bekannter Theologe, der kurz zuvor sein Bischofsamt aufgegeben hatte und zum Großinquisitor von Portugal befördert worden war.

Devereaux seinerseits raubte nicht nur, sondern setzte die Stadt Faro auch gleich noch in Brand. Zurück in England, zeigte Devereaux seine Beute seinem Freund Thomas Bodley, dem Gründer der Universitäts-Bibliothek in Oxford, die bis heute seinen Namen trägt. Der Kulturverband ‘Faro 1540’ hat Gespräche über die Rückgabe des bibliophilen Schatzes begonnen. Dabei wurde klar: Die Bücher befinden sich in der Sammlung seltener Bücher der Bodleyan Library und sind in gutem Zustand – allerdings zeigt die englische Universität keinerlei Interesse daran, sie wieder an ihren Ursprungsort zurückzugeben.

Stattdessen verweist die University of Oxford auf die Online-Leihe, die jedem offenstehe. Wer nach England reise, könne in einem einfachen Verfahren einen Leserausweis erhalten und die Bücher vor Ort erforschen oder Fotografien der Buchseiten zu erhalten. ‘Faro 1540’ hat inzwischen auch die Britische Botschaft in Lissabon, das Kulturministerium und den Bischof von Faro im Sinne ihrer Rückgabe-Bemühungen mobilisiert. Auch die britische Community in der Algarve unterstützt das Vorhaben.

Ob die Bücher jemals wieder in Faro zu sehen sein werden, ist derzeit eher fraglich. Doch zeigt die Geschichte, dass Bücher einen eigenen Wert haben können, der die Zeit überdauert. Und das ist wohl das, was der Begriff ‘Buchkunst’ im Kern aussagt.
Henrietta Bilawer

Noch ein Veranstaltungstipp:
Vom 5. bis zum 9. Mai findet in Lissabon das Literaturfestival ‘Lisboa 5L’ statt, das Sprache, Literatur, Bücher, Buchhandlungen und Lesen verbindet. Auf Initiative des Rates der Hauptstadt soll diese Aktion dazu beitragen, die Stadt in die nationalen und internationalen Reiserouten kultureller Festivals einzuschreiben, die allen Formen, Orten, Publikum und Akteuren jeder Form des Schriftlichen gewidmet sind.

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