Der Dichter und der Bagger

bagger
Foto: dpa

Braunkohle, Demokratie & Kohle ■ Braunkohle wird in Deutschland derzeit noch in drei Revieren gefördert: im Rheinland, in der Lausitz und südlich von Leipzig. Die dreckigste Art, Energie zu gewinnen, war also zwischen West-und Ostdeutschland «gerecht» aufgeteilt.
Auf keinem Gebiet waren die Regierungen der BRD und der DDR einander so ähnlich wie in ihrer Kohle-Politik. In einem Punkt erwies sich der Osten als das erfreulichere Deutschland. Man lese und urteile …

Robert Sommer hat ein Fundstück zum Thema Tagebau in Ost und West aus seiner historischen Artikel-Schatztruhe ausgegraben

Einen Moment lang, gegen Ende des Jahres 1987, war das Neue Deutschland, sonst die staubtrockenste Zeitung hinter den Parteiblättern von Albanien, Rumänien und China, das spannendste Printmedium der Welt. Das Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands veröffentlichte die gesamte Debatte des 10. Schriftstellerkongresses der DDR. Soviel Aufmerksamkeit seitens des Staates war noch keinem KünstlerInnentreffen in Europa zuteilgeworden.

Der Redebeitrag des Dichters Jurij Koch bezweifelte die ökologische Vernunft der Staats- und Parteiführung.

Neben der Jugendbewegung waren die SchriftstellerInnen zur Avantgarde der Hinterfragung der DDR-Vorspiegelungen geworden. Der Redebeitrag des Dichters Jurij Koch bezweifelte die ökologische Vernunft der Staats- und Parteiführung. Sein Thema beim Kongress war identisch mit dem Hauptthema seiner Texte: die Vernichtung seiner Heimat durch den Lausitzer Braunkohle-Tagebau. Aus der Sicht Jurij Kochs war die Saat, die er 1987 streute, 31 Jahre später aufgegangen, freilich nicht in «seinem» Kohlerevier. Seine Rede konnten DDR-BürgerInnen in vollem Wortlaut nachlesen. Koch schilderte, wie bedropitzt er war, als er im Autoradio das Blasorchester hörte, unter dessen Klängen der erste Kohlezug eines neuen Tagebaus beladen wurde, in Anwesenheit eines Ministers und vieler Ehrengäste. Über den Schaden wird die Öffentlichkeit nicht informiert.

Jurij Koch zu seinen SchriftstellerkollegInnen: «Was geschieht hier unter Pauken und Trompeten? Der Neuaufschluss eines Tagebaus, der für die vielfältigen Temperaturen des Landes notwendig gewesen war, wird als Sieg gefeiert, ignorierend den landesweiten, wenn nicht kontinentalen, vielleicht sogar planetaren Schaden versetzter Berge und Hügel, verlegter Flüsse, verfüllter Senken des Urstromtales, verschwundener Dörfer und angefressener Peripherien der Städte, der durch Staub und Schwefeldioxyd verunreinigten Luft, des verlorenen nützlichen Bodens, übersehend die durcheinandergebrachten unterirdischen Gewässer, die eingeschränkte natürliche Vielfalt und ihre gefährliche Einfalt (…)
Bis zum Jahr 2000 wird fast ein Viertel des Gesamtterritoriums meines Bezirkes devastiert sein. In Jahrhunderten entstandene Siedlungen müssen den Abraumbaggern weichen, mitsamt ihren Kirchen und Friedhöfen, Schlössern und Anlagen, Naturschutzgebieten, Umgebindehäusern und Fachwerken, dem gesammelten ethnischen Reichtum und den ethnischen Besonderheiten.«

Mit jeder Kalorie Wärme, die wir der Erde entnehmen, um sie bedenkenlos zu verschwenden, wird es kälter um uns.

Der selbstverschuldete Bedarf an Energie bestimme Charakter und Tempo des Abbaus, es falle sehr schwer, nicht von Raubbau zu sprechen, sagte der zur sorbischen Minderheit zählende DDR-Autor. Er fuhr fort: «Was soll die Klage des Poeten! höre ich den gebieterischen Einwand. Was soll eine unzeitgemäße Wehmut! Schreibt er nicht auch unter Lampen, deren elektrisches Licht die Tastatur seiner Maschine sichtbar macht! (…) Wider die anerzogene eigene Fortschrittsgläubigkeit frage ich nach dem Verhältnis von Gewinn und Verlust. Warum eigentlich verbrauchen wir weit mehr als die Japaner? Mit jeder Kalorie Wärme, die wir der Erde entnehmen, um sie bedenkenlos zu verschwenden, wird es kälter um uns. Kein Sparer wird gelobt, kein Verschwender bestraft. Die sündhafte Großzügigkeit fördert die Vorstellung von gewaltigen, wenn nicht unerschöpflichen Ressourcen.»

Jurij Koch kam dann auf die riesigen Tagebaubagger zu sprechen, um die in der DDR mehr Aufhebens gemacht wurde als im Westen. Der Grund dafür liegt in dem Umstand, dass die DDR in der Tagebau-Technologie dem Westen Paroli bieten konnte, was auf den meisten anderen Schauplätzen des ökonomischen Wettbewerbs (am augenscheinlichsten in der Autoindustrie) nicht der Fall war. Selbst die Kommunismushasser unter den DDR-Tagebauarbeiter waren stolz darauf, dass das Monster der Ostfirma VVB TAKRAF eben soviel konnte wie der Schaufelradbagger Nr. 288 aus dem Krupp-Konzern. Beide wurden 1978 gebaut, beide wiegen rund zwölftausend Tonnen, beide können täglich 240.000 Tonnen Kohle bewegen.

Für die Kohlearbeiter war dieser Gigant ein Fetisch, für Intellektuelle wie Koch ein Gräuel. «Wir berauschen uns an unseren gigantischen Maschinen, die sich energisch an die fossilen Energieträger machen, und verdrängen die unangenehmen leisen Ängste mit dem gewohnten gewöhnlichen Optimismus, dass unter sozialistischen Bedingungen der Schaden ausbleiben muss», referierte Koch.

Schon vor über 30 Jahren war das absurde Bild von jubelnden Menschen auf dem Ast, an dem sie sägen unübersehbar

Seine Wortmeldung am Schriftstellerkongress endete mit einem Aufruf zu einem Aufstand der Kreativität: «Wir brauchen verrückte Entwürfe, wärmepumpende Solaranlagen, Elektroenergie von Windmühlen, Wiederaufbau der demontierten kleinen Wasserkraftwerke, das wissenschaftliche Institut für die andere Idee, die kollektive, öffentlich sich artikulierende Weisheit des Volkes, den Abbau der staatlichen Zimperlichkeit bei Schüssen übers Ziel hinaus, sie sind zu verkraften, nicht aber die ignorante, unproduktive Ergebenheit vor offiziellen Konzepten (…) Was verhindert die Materialisierung des zweifellos vorhandenen schöpferischen Geistes? (…) Ich vermochte die feierliche Abfahrt des ersten Kohlezuges im neuen Tagebau nicht als Erfolg zu begreifen und sah das absurde Bild von jubelnden Menschen auf dem Ast, an dem sie sägen.»

Es gibt packendere Meldungen über den Braunkohle-Tagebau in Deutschland als die Erinnerung an eine vor langer, langer Zeit erfolgte Tagung von SchriftstellerInnen; spannend vor allem die Nachrichten vom Hambacher Forst, wo die BraunkohlegegnerInnen im Herbst einen Triumph gegen den Energiekonzern RWE feiern konnten.
Die Zerstörung des Waldes, der in eine zusätzliche «Mondlandschaft» des rheinländischen Braunkohlegebiets verwandelt werden sollte, ist per Gerichtsbeschluss gestoppt worden. Für mich (Autor Robert Sommer) hat die Suche nach Formen des Widerstands gegen den Kohleabbau einen unerwarteten Kollateral-Nutzen gehabt: Ich entdeckte die Rede eines besorgten Künstlers, die dank der hohen Stellung der Literatur im «Arbeiter-und Bauernstaat» vom staatlichen Medienmonopol in sämtliche Haushalte der DDR geliefert wurde, was den «Totalitarismus»-Vorwurf etwas relativiert. Aber das ist eine andere Geschichte …

 

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