Nie wieder Krieg – Nie wieder Faschismus

Rotearmee
© Mario Lang

75 Jahre Befreiung Österreichs ■ Sieg über den Faschismus. Viele Völker, Staaten und die Allianz  USA, GB, Frankreich und Sowjetunion haben den Deutschen Faschismus in einem jahrelangen Kampf niedergerungen. Österreichische Medien und Zeitungen haben dem 75. Jubiläum der Befreiung und der Beendigung des Zweiten Weltkriegs mit Beiträgen gewürdigt. Die meisten davon sind (fast) objektiv.
In einigen Medienberichten werden Begriffe verwendet, die an die Zeit des Kalten Krieges erinnern, beschweren sich die russischen BotschaftsvertreterInnen in Österreich.

Die Botschaft der Russischen Föderation in Wien hat zu diesen Veröffentlichungen mit einer Stellungnahme reagiert.

In der allgemeinen Berichterstattung von Österreich und Deutschland wurde der Beitrag der SoldatInnen der Roten Armee bei der Befreiung von der Nazi- Barbarei teilweise völlig außer Acht gelassen oder sagen wir mal sehr verzerrt dargestellt. Deshalb beginnt der Text aus der russischen Botschaft in diese Richtung.

„Die harmlosesten Ausdrücke über die Rotarmisten in manchen Medien sind: „brutale Eroberer“ und „räuberische Besatzer“. Manche angeführten „Fakten“ lassen LeserInnen die Haare zu Berge stehen” …

In der Folge bringen wir hier die Kritik der russichen offiziellen Vertretung in Österreich. … Der unvorbereitete Leser kann den Eindruck gewinnen, „die russische Soldateska“ hat das unschuldige Österreich brutal überfallen und „völlig besoffene“ Russen hätten „gnadenlose Rache“ geübt. In der weiteren Aufzählung war von „Frauen, die als Kriegsbeute und Freiwild“, „vergewaltigten Kindern”,„Massakern“, „willkürlichen Morden“, „zahllosen Verschleppungen, Zerstörungen, Plünderungen und Schändungen“ zu lesen. Was die Hilfe für die österreichische Bevölkerung „nach dem überstandenen Krieg“ betrifft, war diese Unterstützung „durch Sperrmanöver der Russen überaus kompliziert“ und „nur gelegentlich“. Es stellt sich heraus, dass die Goebbels-Propaganda über „die Russen“ (das steht tatsächlich in einem Artikel in Klammern) Recht hatte.

Manche Beiträge wurden von Historikern verfasst, die russische, auch ehemals geheime Unterlagen aufarbeiten konnten. Von diesen HistorikerInnen ist zu erfahren, dass es „in einem Krieg keine Helden sondern nur sinnlose Tode und Verbrecher“ gibt. Vor allem liest man aber über „die große Angst vor den Russen“. Diese Furcht ist bis heute lebendig und sie prägt die kollektive Erinnerung.

Das offizielle Österreich hat trotz Corona-Pandemie den 75. Jahrestag des Kriegsendes, die Ausrufung der II. Republik und die Befreiung des KZ Mauthausen feierlich und respektvoll gewürdigt.

Eine Ausstellung auf dem Heldenplatz zu den Meilensteinen der Republik wurde eröffnet. Die Vergoldung der Gedenkschrift des Ehrendenkmals für die bei der Befreiung Wiens gefallenen sowjetischen Soldaten auf dem Schwarzenbergplatz, die mehrmals von Vandalen beschädigt worden ist, wurde wiederhergestellt.

Was haben die „schrecklichen Russen” Österreich getan, so sollte die Frage gestellt werden. Zuvor ein paar Tatsachen: Die Rotarmisten haben am Dach des Wiener Rathauses im April 1945 nicht die sowjetische, sondern die österreichische Fahne gehisst. Die BefreierInnen haben die Zerstörung der österreichischen Hauptstadt, einer der schönsten Städte Europas, so gut wie verhindert. Wenn österreichische Zeitungen berichten, dass die Wiener Innenstadt vor weiteren Zerstörungen bewahrt wurde, weil „die Wehrmacht diese kampflos geräumt hatte“ (sprich, die Nazis haben die Stadt gerettet), suchen Sie auf der Internetplattform „Wiki”  Lichtbilder von Berlin, Köln oder Dresden und finden Sie den Unterschied. Die sowjetischen Truppen haben zahlreiche Straßenblocks Haus für Haus nach Sprengfallen überprüft, welche die Nazis vor dem Abzug angebracht hatten. Noch heute sind in Wien und auch am Stephansdom, die Inschriften auf Russisch „Quartal überprüft“ («Квартал проверен») zu sehen.

Die „bösen Russen” haben die Wiener Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgt. Als die Sowjetunion selbst in Trümmern lag, von April–Juni 1945, hat die sowjetische Militärmacht der Stadt Wien 46.500 Tonnen Getreide, 4.000 Tonnen Fleisch, 2.700 Tonnen Zucker, 2.500 Tonnen Salz, 1.200 Tonnen Fette, 230 Tonnen Kaffee zur Verfügung gestellt. Die Rote Armee hat bis Juni 1946 in Wien 33 Brücken wiederhergestellt, welche die Nazis gesprengt hatten. Die Reichsbrücke haben Rotarmisten vor der Sprengung durch die Nazis gerettet. An fast allen Objekten waren damals Gedenktafeln montiert. Diese sucht man heute vergeblich, nur wenige davon kann man in Museen finden, z.B. im Befreiungsmuseum Wien im 9. Bezirk. Das Museum öffnete 2015 anlässlich der 70. Wiederkehr der Befreiung, ist aber den meisten WienerInnen unbekannt.

Bereits am 30. April 1945 fand in Wien eine Besprechung des sowjetischen Militärkommandos mit städtischen Kultur- und Wissenschaftsvertretern statt, wo über die schnellstmögliche Wiederherstellung des Kulturlebens der Stadt die Rede war. Viele Fotos mit den sowjetischen Kranzniederlegungen an den Gräbern der großen österreichischen Komponisten und Kulturschaffenden auf den Wiener Friedhöfen sind zeitgeschichtliche Dokumente.

Richtige historische Fakten sind in der österreichischen Presse Mangelware. Genauso Gründe, warum diese Russen kamen und die ÖsterreicherInnen eigentlich nur 41 schreckliche Tage des Krieges „durchhalten mussten“

Nach dem Überfall Nazi-Deutschlands sind 700.000 ÖsterreicherInnen in der NSDAP gelandet. Mehr als 1,2 Millionen Soldaten dienten in der deutschen Wehrmacht, die meisten an der Ostfront. Was haben sie dort getan? Gerade die österreichischen Divisionen haben am 22. Juni 1941 in den ersten Reihen die Brester Festung gestürmt und bei Moskau, Leningrad, Stalingrad, Kiew, Minsk, Murmansk, auf der Krim und im Kaukasus den Vernichtungskrieg gegen die sowjetischen „Untermenschen“ geführt. Was der österreichische Anteil an den NS-Gewaltverbrechen und insbesondere an den Wachmannschaften in Vernichtungslagern sowie in SS- und Waffen-SS-Verbänden betrifft, so fehlen die genauen Ziffern bis heute. Kein Interesse?

Gegen die Schätzungen von manchen westlichen Historikern, wonach 40 Prozent der KZ-Mannschaften gebürtige Österreicher gewesen seien, wehren sich heimische Sachkundige vehement. So oder so, haben die Österreicher zweifelsohne ihren grausamen „Beitrag“ am NaziFeldzug gegen die Sowjetunion geleistet.

26,6 Millionen Menschenleben hat das multinationale sowjetische Volk im Zweiten Weltkrieg geopfert, davon mehr als 15 Millionen Zivilisten. 15 Millionen Frauen, Kinder und alte Leute (fast zweimal soviel wie die heutige Bevölkerung Österreichs!). 1.710 Städte und 70.000 Dörfer sind von der Nazi-Kriegsmaschinerie vernichtet worden, viele davon samt der ganzen Bevölkerung. 25 Millionen Menschen wurden obdachlos. Fast 32.000 Industriebetriebe, 100.000 Kolchosen, 40.000 Krankenhäuser, 84.000 Schulen und Hochschulen und 427 Museen wurden zerstört. Der Gesamtschaden betrug 679 Milliarden Rubel (Preisen von 1941). Wie viele Österreicher kennen diese Zahlen oder haben überhaupt etwas davon gehört?

Welche „Angst vor den Russen“ hatten die Österreicher damals? Dies verrät uns z.B. Arnold Schwarzenegger in seinem Buch „Total Recall. Die wahre Geschichte meines Lebens“. Die Generation seines Vaters „war besiegt und geschlagen worden und hatte Angst, dass es noch nicht vorbei war, dass die Russen eines Tages kommen und sie zwingen würden, Moskau oder Stalingrad neu aufzubauen.“

Warum bemüht sich Österreich im Jubiläumsjahr, das im Laufe der Kriegsjahre kaum richtigen Schrecken, geschweige denn Hunger kannte (zur Info: alleine bei der Leningrader Blockade sind 632 253 Menschen verhungert), aber die völlig verdiente Besatzung durch die Alliierten wegen barbarischer Verbrechen seiner Nazi-Soldaten bekommen hatte, so emsig, die andere Seite der Medaille zu vergessen? Sind 75 Jahre umsonst vergangen?

Haben die ÖsterreicherInnen wirklich „Angst vor den Russen“? Haben sie ihre Rolle an dem grausamen Krieg und die Verbrechen gegen das multinationale sowjetische Volk vergessen, verdrängt und ausgeblendet?

Sollen die Russen sich alles gefallen lassen? Die verkehrte Logik der AutorInnen solcher Artikel führt in die Sackgasse. Russland ist weit davon entfernt, irgendwelche unbequeme Momente der gemeinsamen Geschichte totzuschweigen. Aber wir erwarten, dass von den Medien mindestens objektiv und faktenbasiert berichtet wird, auch im Interesse vor allem der jüngeren Generationen. Wenn man schon von Verbrechen der Soldaten der Befreiungsmächte auf österreichischem Boden berichtet, so darf man nicht vergessen zu erwähnen, dass diese von sowjetischen wie auch anderen alliierten Befehlshabern auf härteste, bis hin zur Hinrichtung, bestraft wurden.

Es ist das Gebot der Stunde, der größten humanitären Katastrophe der Menschheitsgeschichte zu gedenken. Für den Sieg über den Nazismus, die Pest des XX. Jahrhunderts, sind auf österreichischem Boden 26 000 Rotarmisten gefallen. Mit der Opferung des eigenen Lebens haben sie die gebotene Ehre und den Respekt der nachfolgenden Generationen verdient.
Der Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs symbolisiert einen Neuanfang. Dieses wichtige historische Datum ist dazu bestimmt zur Versöhnung beizutragen. Es ermahnt uns alle, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Wir müssen die vorhandenen Differenzen überwinden – im Interesse einer gemeinsamen und friedlichen Zukunft.

Gerade in Zeiten der Krise erscheint auch den russischen Menschen ein Zusammenrücken aller gesunden politischen Kräfte besonders wichtig.

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