Der Eismann mit 41 Büchern

© Walter Lohmeyer. Mirko & Michele.

Mit offenen Augen Wien hat, trotz aller Corona-Wirrnisse, auch Schönes und Einzigartiges zu berichten. Ort des Geschehens, der Story: Wien Meidling, genauer gesagt, die Meidlinger Hauptstraße.

Von Walter Lohmeyer

Ich sitze in einem der ältesten Eissalons der Metropole: in der Gelateria „Tradizionale“ Gamba. Mir gegenüber die beiden „Zampanos“ des Unternehmens: Mirko Gamba, der Junior-Chef und der Grand Seigneur Michelangelo Corazza (liebevoll Michele genannt). 

Michele beginnt zu erzählen:
Unser Geschäft existiert seit 1928 – damals noch in einem kleinen Verkaufsladen schräg gegenüber. Seit 57 Jahren bin ich nun um meine Kundschaften bemüht, ohne nur einmal im Krankenstand gewesen zu sein“, schmunzelt der 76-jährige. „Eigentlich kommen wir aus Val di Zoldo (nordwestlich von Trient in den italienischen Alpen, Anm.d.Red.). Für alle Skibegeisterten: Cortina d’Ampezzo ist nicht weit entfernt. Einige Besitzer von Wiener Eissalons kommen aus dieser Gegend. Gott, was hat sich da verändert, wie viele Dinge sind passiert. Schönes, Trauriges, Alltägliches: die Zeit vergeht ja so schnell“, sinniert der sympathische Michele.

Du könntest mit Leichtigkeit ein Buch darüber schreiben, mein Lieber, denn – was die Wenigsten wissen – Du bist so „nebenbei“ erfolgreicher Autor, hast bis dato 41 Bücher geschrieben. Wie bist Du zum Schreiben gekommen, woher nimmst Du Dir die Themen zu „dem Stoff aus dem die Träume sind woher die Zeit.
Michele: Da muss ich weit zurückgreifen. Meine Eltern wollten, dass ich einen anständigen Beruf erlerne. Also begann ich eine Lehre als Tischler. Das war nicht gerade das, was mir gefiel. Daher war ich wirklich froh, mit 16 in die Gelateria-Branche zu wechseln. Und so nebenbei begann ich zu schreiben. Kleine Artikel für regionale Zeitungen. Die Redakteure bescheinigten mir, Talent zu haben. Ich erhielt einen Auftrag, in einem Altersheim die Senioren zu interviewen. Der Bürgermeister war ebenso anwesend. Wir kamen ins Gespräch und er wollte, dass ich darüber ein Buch schreibe. Die Kosten dafür wären drei Millionen Lire gewesen. Kein Problem meinte der Bürgermeister: wir beteiligen uns zu 50 Prozent. Gesagt, getan: ich setzte mich hin und schrieb das Buch. Es war, regional gesehen, ein großer Erfolg. Was soll ich Dir sagen: das war für mich der Startschuss, der Beginn, mein Hobby, meine Leidenschaft, mit der Gesellschaft zu teilen.

Du berichtest und schreibst hauptsächlich aus Deiner Region, worüber handeln die vielen Bücher.
Michele:
Hauptsächlich über das Leben der Menschen  dort, über die Kultur, die Tradition über Migration in unserer Gegend. Wir leben leider in einer sehr dynamischen Zeit, einer Zeit, in der Maschinen das Wort haben. Alles muss schnell gehen: Ich will mit meinen Büchern traditionelle Schätze aufzeigen und bewahren, der(m) interessierten Leser(In) ins Gedächtnis rufen.

Dein jüngstes Werk: Bambini e Bambino di Zoldo (Mädchen und Buben von Zoldo) handelt von den Kindern die in ihrer Jugend, aber auch danach, Einzigartiges erreicht haben“. Hast Du Mirko Gamba, Deinem logischen Nachfolger in der Gelateria, auch eine Story gewidmet.
Michele & Mirko: (Beide lachen laut auf). „Bring Michele nicht auf solche Ideen, der macht das wirklich“ kontert Mirko. Er beginnt seinen Werdegang zu schildern, und wie er nach Wien gekommen ist. „Michele kennt mich schon, da war ich noch ein Kind. Ich wusste, dass das Eisgeschäft nur für ein halbes Jahr läuft und mich faszinierte dieses Leben. Heute ist das ein wenig anders. Denn die Betreiber von Eissalons leben meist schon in dem Land, in dem sie ihre Geschäfte betreiben. Früher warst Du wirklich ein halbes Jahr von Deiner Familie getrennt, hattest Sehnsucht nach zu Hause. Bei mir war es eigentlich eine unglückliche Liebe die mich, zuerst nach Hamburg, dann aber nach Wien brachte. Da bin ich jetzt schon seit 20 Jahren“.

Ihr bietet 42 verschiedene Eissorten an – vegan, für Diabetiker – spezielle Kreationen, wie „Tutti Frutti“(hervorragender Früchtebecher, mit Eis nach Wahl) „Frühlings- Melonen-Coup“ etc. etc. Ihr erzeugt das Eis ja täglich frisch. Wann beginnt Euer Arbeitstag.
Mirko: Wenn wir um 10 Uhr öffnen, sind die Mitarbeiter und ich,  schon mindestens zwei Stunden im Geschäft und bereiten alles vor. Wenn wir dann um 22 Uhr schließen, geht es noch einmal weiter. Organisatorisches, Planung für den nächsten Tag usw. Und das ein halbes Jahr lang, 7 Tage die Woche.

© Walter Lohmeyer. Die Eissalon Crew.

Eure Crew: Flori, Luciano, Lilia und natürlich Simone, wirken, selbst bei großem Andrang, immer ruhig, höflich und ausgeglichen. Kommt es nicht doch auch zu Spannungen, Differenzen.
Mirko: Natürlich kommt es bisweilen zu Troubles, aber das klären wir einfach in einem ruhigen Gespräch; die Kundschaft merkt davon nichts. Wir sind alles Menschen, da passieren nun einmal Fehler. „Mirko als Mediator“ „So ungefähr“. Er lacht.

Pläne für die Zukunft, lautet die Frage an Beide.
Michele & Mirko: Wir wollen einfach weiter so bleiben, wie wir sind, kreativ, bei bester Qualität, voller Enthusiasmus und Freude an unserer Arbeit.

Der Eismann mit seinen 41 Büchern schmunzelt. „Ah, Michelangelo, planst Du vielleicht Deinen 42. Streich?“ Er sieht mich lachend an: „Omerta“ (Schweigen).

Walter Lohmeyer ist Journalist und (Dreh-)Buchautor.

Kommentar verfassen