
Literatur in der Mühle ■ Linke Deutschsprachige Freunde Lagos LDFL prädentiert:
„Erzählungen über portugiesische Frauen”, am Samstag, 29. März 2025. Bar & Cafe O Moinho in Lagos. Um 15 Uhr beginnt eine Lesung und ein Vortrag von und mit der aus Deutschland stammenden und in Portimao lebenden Autorin Henrietta Bilawer.
Leseprobe: 29. Januar 1945 – ‘A Bola’ Erstausgabe der Sportzeitung. Von Henrietta Bilawer
A Bola ist Portugals auflagenstärkste Zeitung. Neben Sport gibt es auch andere Themen
Ihr Gründer Cândido de Oliviera war zunächst selbst ein Fußballstar, der nach seiner aktiven Karriere auch für andere Sportzeitungen berichtet hatte. Zuerst erschien ‘A Bola’ zweimal pro Woche, ab 1950 dreimal und ab 1995 täglich. Hinter den Daten der Zeitung verbirgt sich ein Stück (auch) düsterer Landesgeschichte.
Das Debüt des Blattes war schwierig: In der ersten Ausgabe von ‘A Bola’ hatte Cândido de Oliveira über ein Spiel berichtet, das eigentlich unerfreulich und trostlos über den Rasen des Lissabonner Lumiar-Stadions gerollt war. Ins Positive verkehrt, hieß es bald, man könne jetzt über ein Spiel lesen, von dem man froh sei, es nicht im Stadion gesehen zu haben.
Und dann, kaum war die Ausgabe gedruckt und an die Zeitungsjungen zum Verkauf verteilt, merkten die, dass die Druckschwärze sehr stark abfärbte, sodass jeder, der das Blatt zur Hand nahm, schwarze Finger davontrug. Bald flatterten mehr weggeworfene Zeitungen über das Straßenpflaster als der Redaktion lieb sein konnte.
Doch die journalistische Finesse von Cândido de Oliveira machte auch einen Artikel über ein ödes Spiel des Hauptstadt-Matadors Sporting Lissabon zu einem Lese-Erlebnis, wobei der Autor mangels spielerischer Qualität auf dem Rasen zum Sport-Philosophen wurde:
„Der Fußball ist für den Spieler das, was der Bleistift für den Künstler ist…
… ein grundlegendes Element bei der Umsetzung seines schöpferischen Genies.“ Darüber hinaus räsonierte Cândido de Oliveira ausführlich über die mangelnde Qualität des im Spiel verwendeten Balls.
‘A Bola’, die sich als „Zeitung aller Sportarten“ verstand, veränderte den portugiesischen Journalismus und erklärte sich zu einer „freien, seriösen und ehrlichen Zeitung, die Gutes und Schlechtes berichtet“. Der Satz hatte Gewicht und war eine Kampfansage, denn in jenen Jahren des ‘Estado Novo’ herrschte Pressezensur. Negative Berichterstattung war unerwünscht. Schon die Kritik an einem Schiedsrichter wäre ein Stein des Anstoßes für die obligatorische Vorzensur gewesen, denn sie hätte Zweifel an der Macht des jeweils zuständigen offiziellen Wortführers geschürt, was sich auf andere Bereiche des Lebens hätte ausdehnen können.
So weist eine Akte der Zensurbehörde zahlreiche gegen die Zeitung verhängte Strafen aus, darunter Geldstrafen und eine dreißigtägige Suspendierung, Letztere am 26. März 1946, ein Jahr nach der Gründung.
Diese Begebenheit zeigt, dass die Zensur sehr aufmerksam Zeile für Zeile las.
Der Suspendierung war ein Bericht über ein Fußballspiel vorausgegangen, bei dem eine Mannschaft portugiesischer Spieler, die noch kein Länderspiel bestritten hatten, gegen eine Mannschaft britischer Seeleute antrat, die in letzter Minute einberufen worden war. Die portugiesischen Verantwortlichen verzichteten auf einen internationalen Schiedsrichter und auch auf eine britische Mannschaft, die ein ernsthafter Gegner gewesen wäre: Schlechtes Wetter habe Flüge verhindert, in denen andere Spieler hätten anreisen können.
Das Spiel wurde als Portugal-England-Match dargestellt. Portugal gewann mit 11:1
Doch die Journalisten von ‘A Bola’ wollten angesichts der Spielkonstellation nicht in den von der Regierung verordneten patriotischen Jubel über den haushohen Sieg einstimmen. Cândido de Oliveira und seine Kollegen stellten das Spiel so dar, wie es war: eine Karikatur und ein Streich, der den Zuschauern gespielt wurde. Der Kommentar von Cândido de Oliveira war ironisch und scharf: Wäre Nationaldichter „Luís de Camões noch am Leben, würde er „wieder schreiben: – in jener süßen Täuschung der Seele… In der Tat, wir werden alle getäuscht!“
Und weiter hieß es in einem Kommentar zu einem Foto, auf dem eine Militärkapelle auf dem Spielfeld des Nationalstadions die Hymnen der spielenden Nationen spielt, dies sei „die schwerste Phase des gestrigen Spiels zwischen elf englischen Matrosen, die auf dem Tejo schippern, und einer Mannschaft, die nur aus dem Nationaltrainer besteht.“ Cândido de Oliveira wurde daraufhin beschuldigt, Mitglied eines britischen Spionagenetzes zu sein, und er kam ins Gefängnis von Tarrafal.
Doch seine neue Zeitung wurde sogar von der Konkurrenz begrüßt und wertgeschätzt; dort erschienen kurze Artikel, in denen die Kollegen ‘A Bola’ Glück wünschten. Tatsächlich befand sich Portugal in einem Prozess der zunehmenden Professionalisierung des Fußballs und des Sportjournalismus, das Nationalstadion war im Juni 1944 eingeweiht worden und der Erfolg der Zeitung war von Anfang an offensichtlich: Es gelang ‘A Bola’, das Interesse zahlreicher Leser zu wecken, indem die Zeitung einen Wettbewerb um die Lesergunst zwischen allgemeinen und spezialisierten Zeitungen entfachte. Und sie führte zu einem Wandel in der Art und Weise, wie die portugiesische Presse mit dem Phänomen Sport umging.
Zu dieser Zeit, als der Fußball noch von Amateuren beherrscht wurde
Da standen die Sportjournalisten, vor allem die von ‚A Bola‘, den Spielern sehr nahe und waren in vielen Fällen sogar persönlich mit ihnen befreundet. Von der ersten Ausgabe an analysierte und diskutierte ‘A Bola’ den Fußball und andere Sportarten in Meinungs-Artikeln von Sportlern, in Artikeln von Journalisten sowie in Leserbriefen. Zu den visuellen Aspekten der Zeitung gehörte von Anfang an die Karikatur, die in der portugiesischen Sport- und Publikumspresse eine wichtige Rolle spielte und an der berühmte portugiesische Illustratoren wie Stuart Carvalhais mitwirkten. Auch die Fotografie diente zur Stärkung der Publikation.
Der Zeitungsgründer Cândido de Oliveira war für den fußballerischen Teil des Blattes ein prädestinierter Autor mit sehr viel eigener Erfahrung in dem Rasensport: Er war Spieler bei Benfica Lissabon zwischen 1914 und 1920, Gründer des Vereins ‘Casa Pia’ im Jahr 1920, Kapitän der ersten Nationalmannschaft 1921 und ihr Trainer bei den Olympischen Spielen in Amsterdam 1928. Und auch nach der Zeitungsgründung brachte er als Trainer den Verein Sporting Lissabon nationalen Meisterschaft in den Jahren 1948 und 1949. Zur Weltmeisterschaft in Schweden 1958 fungierte er als Sonderbotschafter.“
Und bei diesem internationalen Fußball-Event starb Cândido de Oliveira in einem schwedischen Krankenhaus, nachdem er sich bei der Berichterstattung über die WM eine Lungenentzündung zugezogen hatte. Sein Werk blieb bis heute lebendig. Es hat sich auch in für die Presse schwierigen Zeiten stets weiterentwickelt und ist sich des Publikums-Interesses sicher.
Heute wird ‘A Bola’ achtzig Jahre alt. Viele nennen sie „die Bibel des portugiesischen Fußballs“, in der auch sehr viel über den internationalen Sport zu lesen ist. ‘A Bola’ ist auch der Presse-Favorit portugiesischer Emigranten, seit 2006 erscheint eine Auslands-Ausgabe in den USA. Auch im Internet ist die Zeitung ausführlich präsent www.abola.pt und sie verfügt inzwischen zudem über einen einen TV-Spartensender.
Die Bilder oben zeigen die Erstausgabe der Zeitung vom 29. 1. 1945, in der Mitte das Titelblatt der Ausgabe vom 28. Jänner 2025 und der Jubiläums-Ausgabe einen Tag spätet.
Henrietta Bilawer, geboren in Köln BRD. Die Autorin und Journalistin lebt seit 1994 in Portugal.
