
Fischerei in Portugal ■ Zusammenhänge, aktuelle Situation und Zukunftsaussichten im Rahmen eines souveränen Landes
Die kommunistische Partei und die Verteidigung des Fischerei-Sektors
João Delgado Avante!, Nr. 2638 vom 20. Juni 2024 übersetzt von Bruno
Das Eintreten der Partei zur Verteidigung des Fischerei-Sektors ist allgemein bekannt.
Vertreten wird eine zukünftige Entwicklung, bei der die Wertschätzung der in diesem Bereich Berufstätigen, das Anwachsen der nationalen Produktion, die Bedürfnisse der portugiesischen Bevölkerung in puncto Ernährung – Portugal ist der größte Konsument von Fisch in der Europäischen Union sowie weltweit drittgrößter Konsument – , eine Reduzierung der äußeren Abhängigkeit bei Fischfangprodukten, eine nachhaltige Bewirtschaftung der Fisch-Ressourcen aufgrund verbesserter wissenschaftlicher Erkenntnisse im Vordergrund steht, wobei empirische Erfahrungswerte sowie Zuwortekommen der betroffenen Berufsgruppen beim Entscheidungsprozess berücksichtigt werden sollen.
Leider wurden die von der Partei vorgebrachten Warnungen nicht zur Kenntnis genommen, sodass sich eine brutale Ausdünnung des Sektors, ein gesellschaftlicher Bedeutungsverlust der Fischer, eine Zerstörung der Produktionskapazitäten sowie eine Entfremdung der im Fischfang Berufstätigen eingestellt hat.
Das vorherrschende Szenario an den küsten und im Fischfang-Sektor
Die komplexe Struktur die den heutigen Fischfang-Sektor bestimmt, kann nur verstanden werden, wenn man sie im Zusammenhang mit anderen politischen und sozioökonomischen Faktoren sieht, welche die Welt und Portugal verändert haben. Faktoren, die in den vergangenen 40 Jahren die am meisten abhängigen Berufsgruppen im Fischfang stark beinflusst und negativ verändert haben.
Die Nelkenrevolution findet in einem Umfeld statt, wo der portugiesische Fischfang-Sektor gerade mit verschiedenen inneren und äußeren Umständen zu kämpfen hat. Der Ölpreisschock im Jahr 1973 ließ die Kosten der Produktionsmittel für die portugiesischen Unternehmen des industriellen und des Treibnetz-Fischfangs in die Höhe schießen.
Die körperschaftliche Struktur des portugiesischen Faschismus verschwindet und neue Organisationsformen müssen gefunden werden in einem Sektor, der daran gewohnt war, dass protektionistische Praktiken für die einen (das Kapital) und repressive Maßnahmen für die große Mehrzahl der andern (die Arbeiter) vorherrschten.
Die zynische Bedeutung, die das faschistische Regime diesem Sektor beimaß, darf nicht unterschätzt werden. Er wurde zu politischer Propaganda verwendet, mit politisch-religiösen Inszenierungen wurden Kampagnen zum Stockfisch-Fang gestartet oder soziale Infrastrukturmaßnahmen wurden durchgeführt, in der Absicht eine gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Kontrolle zu erlangen.
Internationale Bewegungen, die Anfang der 50er-Jahre gegründet worden waren, welche versuchten, das, was man allgemein als Überfischung der Fisch-Ressourcen bezeichnete, zu stoppen, bekamen neuen Auftrieb. Die Thesen vom Ende des freien Zugangs zur Ausbeutung des Meeres setzten sich durch, es wurden ausschließliche Wirtschaftszonen (200 Seemeilen von der Basislinie der Küste) und Hoheitsgewässer (12 Seemeilen von der Basislinie der Küste) geschaffen, die der Rechtsprechung der jeweiligen Staaten unterstanden. Ab Anfang der 80er-Jahre war das die Realität.
Dies schuf Zugangserschwernisse für die Boote der portugiesischen Fischfangflotte, vor allem an der westafrikanischen Küste und im Nordatlantik. Ein Großteil des Fischfangs verlagerte sich dadurch auf die kleine portugiesische Kontinentalplattform. Daneben gab es noch die Zonen um die autonomen Regionen (Madeira und die Azoren) herum, wo es im Bereich der Hochseefischerei sehr konzentrierte Vorkommen an Fischschwärmen gibt sowie um die Inselgruppen herum vorkommende Großfische.
Die 90er-Jahre sind geprägt durch die Auswirkungen der Einführung der Gemeinsamen Fischereipolitik der EU – welche hauptsächlich eine vorbeugende Sichtweise verfolgt, die sich nicht immer auf vertrauenswürdige wissenschaftliche Daten stützt –, durch die Herausforderungen aufgrund des Beitritts zum gemeinsamen Europäischen Binnenmarkt sowie durch die Förderung zum Abbau der portugiesischen Fischfangflotte.
Auf diesem Weg sind etwa 27.000 direkte Arbeitsplätze in der Fischerei verlorengegangen, sodass es im Augenblick nur noch etwas mehr als 14.000 Berufstätige in diesem Bereich gibt, wobei, allein auf empirischen Schätzungen beruhend, etwa 15 Prozent dieser Arbeiter aus asiatischen Ländern und den Afrikanischen Staaten mit Amtssprache Portugiesisch kommen. So sind auch etwa 11.140 Fischerboote verlorengegangen, sodass (Stand 31. Dezember 2023) nur noch eine Flotte bestehend aus 6.856 Booten übriggeblieben ist, von denen lediglich 54,4% eine ordnungsgemäße Lizenz besaßen.
Allein im ersten Jahrzehnt des Beitritts zur EWG wurden 1.000 Projekte zum Abbau genehmigt, von denen zwei Drittel zu Zeiten der Regierung von Cavaco Silva zwischen 1986 und 1993 ausgeführt wurden. Seit Beginn des neuen Jahrtausends sind es die Auswirkungen des Beitritts zur Europäischen Währungsunion im Zusammenwirken mit der Zerstörung der Produktionskapazitäten des Sektors, welche das Handelsbilanzdefizit bei Fischereierzeugnissen in beträchtlichem Ausmaß vergrößert haben; ein Handelsbilanzdefizit, das nicht mehr zu wachsen aufhört, so wie auf der anderen Seite die Anzahl der Berufstätigen und Boote nicht mehr zu sinken aufhört.
Gleichzeitig findet eine massive Konzentration statt, sowohl was die Ausbeutung der Ressourcen als auch die Kommerzialisierung durch die großen Supermarktketten betrifft.
2023 hat sich der Preisindex für Fischereiprodukte für den Verbraucher um 4,2 Prozent erhöht, während die Erstpreise bei der Fisch-Versteigerung um 4,6 Prozent gefallen sind. Im Schnitt lag der Fischpreis 2023 bei 2,47 Euro pro Kilo. Das heißt, im Zeichen einer allgemeinen Inflation haben die großen Supermarktketten den Fisch billiger eingekauft und viel teurer verkauft. Hier kommt die treibende, unmenschliche Natur des Monopolkapitalismus deutlich zum Vorschein.
Die Fischerei, die das Land hat und die Fischerei, die Portugal benötigt
Für Portugal ist es unbedingt notwendig den eingeschlagenen Weg zu korrigieren. In der Folge der Wahlen zum Europäischen Parlament ist es unverzichtbar, dass die portugiesische kommunistische Partei PCP ihre Linie fortsetzt und ihre Forderungen zur Rettung der nationalen Interessen vorbringt, insbesondere bei der geplanten Revision der gemeinsamen Fischereipolitik.
Es gilt festzuhalten, dass Portugal in Anbetracht einer nachhaltigen Umweltentwicklung und eines ausgeglichenen Energiehaushalts eine Fischfangflotte besitzt, bei der es sich im Wesentlichen um Fischfang in kleinem Maßstab handelt, wobei überwiegend handwerkliche Fangmethoden angewandt werden und Kleinstbetriebe familiären Charakters zum Einsatz kommen.
In Zeiten, in denen das Thema der Energieeffizienz ganz groß geschrieben wird, gibt es nichts besseres, als für die Verteidigung des handwerklichen Fischfangs zu kämpfen und dabei die Logik der Schaffung von kurzen Kreisläufen bei der Vermarktung zu berücksichtigen, so wie es der Internationale Kodex für fairen Handel der Welternährungsorganisation FAO für eine nachhaltige Fischerei vorsieht.
In den letzten zwei Jahren haben die Berichte der zuständigen Behörden für die Analyse des Zustands der Fischbestände versichert, dass es keine überfischten Arten in unseren Gewässern gibt. Diese Erholung der Fischbestände ging auf Kosten vieler Einbußen unserer Fischer und Fischfangunternehmen. Hier sei nur an die Empfehlung des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES) erinnert, die sich ab 2015 für Null Fischfang bei Sardinen aussprach! Auf der Strecke blieben dadurch Tausende von Arbeitsplätzen.
Unter der Annahme, dass keine Bedrohung der Fischbestände mehr besteht, sollte die Sorge der neuen Gemeinsamen Fischereipolitik sein, den Fischerei-Sektor wieder zu beleben und ihm gesellschaftliche Anerkennung zu verschaffen. Hierzu sollten junge Arbeitssuchende eingestellt und fortgebildet werden, gerechte Löhne gezahlt und eine Erneuerung der Flotte durchgeführt werden, sodass angenehme Arbeitsbedingungen und notwendige Sicherheit herrschen.
Dabei ist es wesentlich, die Fortentwicklung der Fischerei mit dem Bau und der Sanierung von Schiffen zu verbinden, die fischverarbeitende Industrie sowie den Bau von Kühlhäusern zu fördern, um sicherzustellen, dass alle Fänge auch verwertet werden können und unnötige Verluste vermieden werden.
Nach 38 Jahren des Beitritts zur EWG/EU hat sich bei den im Fischerei-Gewerbe Berufstätigen eine deprimierende, widerspenstige und abwartende Haltung eingestellt. Die bürokratischen Hürden ziehen die Arbeitsprozesse in unnötige Länge. Die viel verhießene digitale Umstellung, vor allem mit der elektronischen Meeres-Datenbank BMAR, war ein ziemliches Desaster; anstatt die Prozesse zu beschleunigen, ließ sie die Betroffenen verzweifeln.
Das Auftauchen neuer und alter Probleme macht ein energisches Eingreifen der kommunistischen Partei und der gewerkschaftlichen Organisationen in diesem Sektor unerlässlich: es mangelt an Investitionen in unsere Häfen, wie in den Fällen von Leixões und Figueira da Foz, um nur zwei Beispiele zu nennen; die Fischfangquoten bei bestimmten Arten, wie bei der Roten Fleckbrasse oder beim Großaugen-Thunfisch in den autonomen Regionen, sind sehr schnell ausgeschöpft; die Schaffung der sogenannten 30prozentigen Meeresschutzzonen in Portugal beeinträchtigt sehr oft den lokalen traditionellen Fischfang mit handwerklichen Methoden, wie das Beispiel der Schutzzone von Pedra do Valado an der Küste von Albufeira, Lagoa und Silves zeigt; die hauptsächlich in der Algarve vorkommende Nutzung des Meeres für Offshore-Aquakulturen, die dann später aufgegeben und ihrem Schicksal überlassen werden, führen zu authentischen Meeres-Müllhalden; oder ein weiteres Beispiel aus der Algarve: neue Gefahren, die dadurch entstehen, dass Schlamm und geklärtes Wasser über Fischgründe geringer Tiefe mit reicher Biodiversität ausgebracht werden, wie es an der Küste von Quarteira geschieht, allzumal auch eine Meerwasserentsalzungsanlage geplant ist; die angekündigte Schaffung eines 32.000 Quadratkilometer großen Offshore-Windparks, der wiederum in einem Gebiet der traditionellen Fischerei installiert werden soll.
Neben dem maßgeblichen Faktor der unterschiedlichen Preise beim Erstverkauf in der Fischversteigerung und den Endpreisen für den Verbraucher, treibt auch die Segmentierung in unterschiedliche Preiskategorien je nach Größe, Qualität, Aussehen und Frische die Preise für die verschiedenen Fischarten beim Erstverkauf in die Höhe. In diesem Zusammenhang darf auch nicht vergessen werden, dass durch die Aufteilung des Gewinns entlang der Wertschöpfungskette in der Fischerei im Laufe der Zeiten Gemeinschaften, Ortschaften am Meer, Fischerdörfer entstanden sind, welche die portugiesische Küstenregion charakterisieren und die es zu erhalten gilt. Dabei ist auch darauf zu achten, dass durch die in den Vordergrund tretenden touristischen Angebote dieser Charakter nicht verlorengeht.
Örtliche Kultur und Identität, die mit der Arbeit auf dem Meer verbunden sind, stellen einen unschätzbaren Reichtum dar, den man nicht in Ziffern bemessen kann, weil er im Bereich der wahren Werte, der zwischenmenschlichen Beziehungen, des vorhandenen pulsierenden Lebens angesiedelt ist. Dabei sollte man aber niemals vergessen, dass dies auch ein Ergebnis der Auseinandersetzungen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräfte in diesen Gemeinschaften ist.
Von den Auswirkungen zu sprechen, Lösungen zu präsentieren, ohne die wahren Ursachen der Probleme zu identifizieren, ist für die PCP kein gangbarer Weg! Deswegen hat die Kommunistische Partei Portugal Zusammenhänge, die Gefahren, die prägenden Merkmale und die Ziele aufgezeigt.
Bruno ist Aktivist der Linken Deutschsprachigen Freunde Lagos LDFL. Er hat den portugiesischen Avante-Text übersetzt.
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