Sich nicht von der Angst besiegen lassen

© Collage von Henrietta Bilawer

Kultur in der Mühle Am  4. 2. 23025 ist in Lissabon Maria Teresa Horta verstorben. Die Journalistin und Schriftstellerin war ein Symbol der portugiesischen Kulturwelt der vergangenen sechs Jahrzehnte.

  • Samstag 29. März 2025 in Lagos Ab 16 Uhr, Café & Bar O Moinho, Largo do Moinho 3
    Kultursoirée: „Erzählungen über Frauen und ihre Rolle in der Geschichte Portugals”.
    Mit der Dozentin und Journalistin Henrietta Bilawer
    Eine Veranstaltung der Linken Deutschsprachigen Freunde Lagos LDFL.

Von Henrietta Bilawer folgt ein Text über Maria Teresa Horta

 

Maria Teresa Horta verdient aus vielen Gründen eine biografische Würdigung, aber ich möchte mich auf zwei Marksteine in ihrem Leben beschränken, die allerdings für sich sprechen:

Kurz nach der Veröffentlichung ihres Gedichtbandes „Minha Senhora de Mim“ wurde Maria Teresa Horta am ‘Arco do Cego’ in unmittelbarer Nähe der viel besuchten ‘Casa dos Bicos’ in Lissabon mitten auf der Straße von drei Männern überfallen. Es war spät abends und sie hatte versucht, ein Taxi zu erwischen, als ein Auto auf sie zuraste mit dem eindeutigen Ziel, sie zu überfahren. Das Auto verfehlte sie nur knapp, hielt an, zwei Männer stiegen aus. Sie stießen Maria Teresa Horta zu Boden und schlugen ihren Kopf auf die Pflastersteine, während sie ihr sagten: „Das ist, damit du lernst, nicht so zu schreiben, wie du es tust“.

Mehr sagten sie nicht, berichtete Maria Teresa Horta später, und dass sie dachte, es sei der letzte Tag ihres Lebens, dass “sie mich dort umbringen würden und dann gehen würden. Das war Faschismus“, so die Angegriffene. Sie wurde vermutlich nur deshalb nicht umgebracht, weil ein Passant rechtzeitig auftauchte, um die Tat zu verhindern.

Das geschilderte Verbrechen geschah vor nicht einmal 60 Jahren

Damals führte die Geheimpolizei PIDE eine Akte über die Autorin, die bereits acht Gedichtsammlungen veröffentlicht hatte. In den Akten der PIDE, die sich im Nationalarchiv ‘Torre do Tombo’ befinden, ist ein Dokument aus dem Jahr 1967, in dem ersucht wird, Informationen über die Autorin zusammenzutragen und zu denunzieren.
Maria Teresa Horta kam nach dem Überfall ins Krankenhaus, wo ihre Wunden mit vielen Stichen genäht wurden. Zwei Tage später kehrte sie zu der Zeitung zurück, bei der sie arbeitete. Sie war traumatisiert und aufgewühlt, aber nicht bereit, sich von der Angst überwältigen und besiegen zu lassen. Einige Zeit danach traf sie zwei enge Freundinnen, Maria Isabel Barreno und Maria Velho da Costa, denen sie erzählte, was ihr widerfahren war. Erschüttert von Maria Teresas Geschichte und ihrem Zustand fragen sie: „Eine Frau wird verprügelt, weil sie schreibt? Was würde geschehen, wenn gleich drei Frauen ein Buch schreiben würden?“

Als sich die praktisch gleichaltrigen Frauen eine Woche später wieder zum Mittagessen treffen, öffnet Maria Isabel Barreno ihre Tasche und holt einige Papiere heraus: „Ich habe den ersten Text geschrieben. Hier ist er.“ So entstanden ‘Novas Cartas Portuguesas’, die „Neuen Portugiesischen Briefe“, geschrieben 1971 von den drei Marias – so wurden sie bekannt, als “três Marias” (s. Bild oben Maria Teresa Horta ist in der Mitte des Fotos).

Eine weitere Frau, die Schriftstellern Natália Correia, die auch Verlegerin war, erklärte sich als einzige bereit, das Buch zu veröffentlichen, das dann praktisch zeitgleich mit seinem Erscheinen von der Zensur des ‘Estado Novo’ verboten wurde, gedruckte Exemplare wurden eingezogen und mit der Begründung vernichtet, es verstoße gegen Moral und gute Sitten. Das Buch streifte alle Themen, die im damals diktatorischen Portugal als Tabu galten: Verschleierte Szenarien aus dem Kolonialkrieg, Sexualität, Ehebruch, Vergewaltigung, Abtreibung und die Unterordnung der Frau in der Gesellschaft in der Beschränkung auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter.

Die Autorinnen wurden 1972 angeklagt und vor Gericht gestellt

Der international beachtete Prozess und der Mut dieser drei außergewöhnlichen Frauen, die es wagten, der Diktatur zu trotzen und über verbotene Themen im Portugal der frühen 1970er Jahre zu schreiben, gingen in die Geschichte ein. Die “Neuen Portugiesischen Briefe” haben den Konservatismus umgestoßen. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, dass die portugiesischen Frauen die Unterdrückung, der sie ausgesetzt waren, durchbrechen konnten, und wurden, wie ihre drei Autorinnen, zu einem Symbol des Kampfes für Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter in Portugal. 1974 endete der Prozess, sofort als die Nelkenrevolution das Land verändert hatte. Die drei Marias mussten von da an keine Repressionen mehr befürchten.

Das Buch „Minha senhora de mim“, das die drei nie identifizierten Täter als Rechtfertigung für den gewalttätigen Überfall auf Maria Teresa Horta missbrauchten, bestand aus 59 Gedichten. In ihnen verwendet Maria Teresa Horta die poetische Form mittelalterlicher Freundschaftslieder (‘cantigas de amigo’) und nutzt eine literarische Tradition, um den damaligen portugiesischen Status quo des patriarchalische Denkens in Frage zu stellen. Zugleich wird die Tradition verfremdet: In den mittelalterlichen Freundschaftsliedern, die von Männern geschrieben wurden, war die Stimme weiblich und handelte fast immer vom Leiden an der Liebe, im Allgemeinen aufgrund der Abwesenheit des „Freundes“, wobei die Frauen in einem Zustand absoluter Abhängigkeit beschrieben wurden. Bei Maria Teresa Horta hingegen steht die Frau im Mittelpunkt der Erzählung als aktiv Handelnde und Fordernde, die die Initiative ergreift. Das Neue der Gedichte lag auch darin, dass die Verse oft in einem imperativen Tonfall verfasst waren.

Im Jahr 2024 hat die britische BBC die Autorin Maria Teresa Horta in die Liste der 100 einflussreichsten und am meisten inspirierenden Frauen der Welt aufgenommen, eine Liste, die vor allen Dingen Künstlerinnen, Aktivistinnen, Anwältinnen und Wissenschaftlerinnen umfasst.
Maria Teresa Horta starb am 4. Februar im Alter von 87 Jahren, ihre Schriftsteller-Kolleginnen Maria Isabel Barreno und Maria Velho da Costa verstarben bereits 2016 bzw. 2020. Ihr Werk wird auch weiterhin inspirieren.

Henrietta Bilawer, geboren in Köln BRD. Die Autorin und Journalistin lebt seit 1994 in Portugal.

Ein Gedanke zu “Sich nicht von der Angst besiegen lassen

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