Im Rausch des Vergessens

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Karl Weidinger (links) Robert Streibl

Robert Streibel, der Chronologe der Historie ■ Die Wachau verfügt über den „Kremser Senf“ oder „Stein am Felsen“ (Häfenjargon). Auch ein historischer Autor ist weit darüber hinaus bekannt: Robert Streibel, der seinen 60er feiert – mit gutem Wein und guten Büchern.

Von Karl Weidinger UHUDLA Ausgabe 110 / 2019

Kriminalfall und Sittengemälde aus Krems
„Das Leben ist ein Projekt. Zwischen Historie und Literatur, zwischen Bildung und Politik, zwischen Heimat und Exil, zwischen Gedenken und Erinnern“, sagt der Historiker und Zeitgeschichtler Robert Streibel zum Geleit auf seiner Homepage.

Eine unangenehme Aufarbeitung folgte 2015 mit „April in Stein“ in Romanform zum Gedenkjahr 1945 (siehe Kasten). Jetzt legt Streibel den Knaller „Der Wein des Vergessens“, gemeinsam mit Bernhard Herrman, nach. Die Winzergenossenschaft reagierte wie im Wahn. Oder wie im Rausch. Im Rausch des Vergessens?

Bildung ist ein Mittel um Menschen und Gesellschaft zu stärken

Dennoch kehrt die Erinnerung zurück, auch unfreiwillig. Getriggert von einem umtriebigen Historiker. „Robert Streibel ist ein Sonderfall unter den Historikern, und ein Sonderfall auch unter den Geschichtspublizisten: akribisch genau in seinen Recherchen; originell in der Art, wie er seine Stoffe ergründet; unbeirrt in seiner Beständigkeit; leidenschaftlich in der Zuneigung zu den Verfolgten“, schrieb der renommierte Autor Erich Hackl.
Streibel reibt sich an der Geschichte, zeigt wie gegenwärtig sie noch ist – auch widerwärtig. Sein herausragendes, immens spannendes Werk über Krems in der Nazizeit hat nichts an Aktualität eingebüßt. Die Winzergenossenschaft wollte davon nichts hören, will sich aber jetzt einer Historikerkommission – und der Vergangenheit – stellen.

Robert Streibel wohnt seit der Hälfte seines Lebens in Meidling. Er fährt (wenn möglich) jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit. Geboren 1959 in Krems, begeht er heuer einen runden Geburtstag, seinen Sechziger. Zum Studium ging er vor Jahrzehnten nach Wien. Geschichte, Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Seine Dissertation erfolgte am Institut für Zeitgeschichte unter der legendären Professorin Erika Weinzierl.
Seit 1987 ist er im Verband der Wiener Volksbildung für PR und Öffentlichkeitsarbeit zuständig, seit 1999 leitet er die Volkshochschule Hietzing. Bekannt wurde er durch zahlreiche Forschungsprojekte zum ewigen Themenkreis Nationalsozialismus und Arisierung, Vertreibung und Judentum. Eine endlose Story, aber irgendwer muss sich darum kümmern – besonders jetzt.

Er kann diese, seine Wurzeln nicht verleugnen – und will es auch nicht. Er stammt aus der Wachau, einer der schönsten Regionen an der Donau. Bekannt für den süß-scharfen Senf, aber auch für das berühmteste Gefängnis Österreichs (siehe Kasten).
Streibel hat einen Brotjob. Und steht dazu. „Bildung ist nach wie vor das wichtigste Mittel, um die Gesellschaft und ihre Menschen zu stärken.“ Als größte Erwachsenenbildungseinrichtung im deutschsprachigen Raum bieten die Wiener Volkshochschulen Bildungsmöglichkeiten, die Menschen darin unterstützen, ihre Situation aus eigener Kraft zu verbessern.
Mit 34 Standorten in ganz Wien ein wahrer Bildungsnahversorger für alle, um Menschen (wieder) Perspektiven zu geben. „Dadurch verhindern wir in vielen Fällen das frühzeitige Ausscheiden aus dem Bildungsprozess“.
Die Riede Sandgrube in Krems ist zu Recht einer der bekanntesten Weingärten der Region und bildet den Grundstein der berühmten Winzergenossenschaft Krems. In der Geschichte des Traditionsbetriebs fanden Bernhard Herrman und Robert Streibel etliche Dokumente über die Anfänge der Winzervereinigung. Daraus wurde ein historischer Roman, weil die ungeschönte Wirklichkeit oft viel extremer und theatralischer ist, als die reine Fiktion.

Weltkultur- und Weltnaturerbe mit braunen Flecken, nicht nur im Herbst

Im Herbst des Weinjahrs 2018 erschien “Der Wein des Vergessens”. Ein Zeitdokument, wie man es sich brisanter und spektakulärer nicht ausdenken könnte. 1938 befindet sich die Riede Sandgrube – eines der berühmtesten Weingüter der Wachau – im Besitz des jüdischen Geschäftsmanns Paul Robitschek. Dessen Partner ist der veritable Hochstapler August Rieger – und er ist mehr als das, auch Lebens- und Liebesmensch.
Robitschek und der angebliche Baron sind ein Liebespaar. Die Denunziationen erleichtern die Arisierung jenes Besitzes, der zur Grundlage der berühmten Winzergenossenschaft Krems wird. Das Autorenduo kann einen Schatz an Dokumenten sicherstellen, mit dem sie eine unglaubliche Geschichte von Verrat und Treue, Liebe und Geschäft, Vernichtung und Verdrängung erzählen.

Der Roman “Der Wein des Vergessens” macht die Love-Story von Paul Robitschek und dessen Partner August Rieger öffentlich. Robitschek ist 1938 der jüdische Besitzer der Riede Sandgrube. Das homosexuelle Paar ist Teil der Gesellschaft, aber auch Ziel von Neid und Spott, bis sich die historischen Zustände dermaßen verschärfen, dass daraus Bedrohung, Tod und Vertreibung sowie eine schwere Zeit im Exil folgen.
Co-Autor Bernhard Herman ist ein Angehöriger. Der langjährige Mitarbeiter von Ö1 und Verfasser von Radio-Features entstammt der Familie von Albert Herzog, einem Vertrauten und Verwalter der Sandgrube. Ihm ist die Auffindung und Aufarbeitung der Korrespondenz zu verdanken. Einblicke in die skandalösen Rechtsgepflogenheiten bieten Gerichtsakten über die Arisierung des Weinbaugebietes Sandgrube. Ein Kriminalfall, aber auch ein Sittengemälde.

Die Wachau trägt einen Teil des Namens, der daran gemahnt „wach“ zu bleiben. Heute mehr denn je. Robert Streibel ist ein Garant dafür. Da bleiben noch Zeit und Muse für Lyrik zum Ausgleich. „Pilgers Paradies und Hölle“ ist der Titel einer seiner letzten Publikationen. Denn die Hölle, das sind die anderen. Nicht nur in Krems an der Donau.
Das Weingut Eschenhof Holzer hat dazu den “Wein des Vergessens” gekeltert. Wohl bekomm‘s. – Alles Gute, Robert Streibel zum 60er. Noch vielen guten Stoff, in Wein- und in Buchform.

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Robert Streibel, Bernhard Herman Der Wein des Vergessens
© 2018 Residenz Verlag, Hardcover ISBN: 9783701716968
Preis: 24,- Euro, 254 Seiten

2 Gedanken zu “Im Rausch des Vergessens

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