Streit über die artgerechte Haltung des Minotaurus

Robert
Autor Robert Sommer © Mario Lang

Scheiss auf den Parkinson ■ „Ich bin dabei, Stefan Weber parkinsonmäßig zu überholen. Wie du vielleicht schon  gehört hast. Das spürt man vielleicht aus dem Wahnsinn des eher literarischen Texte heraus, die ich hiermit  dem UHUDLA schenke. berühmt wird er dadurch aber nicht werden…”, schreibt mein jahrzehntelanger Weggefährte und UHUDLA Mitbegründer Robert Sommer zur Einleitung einer elektronischen Nachricht.

Lieber Robert, es gefällt mir nicht diese Zeilen zu schreiben. Aber was sein muss muss sein. Du wirst immer erhobenen Hauptes gegen den Verfall der politischen Verhältnisse, gegen die unmenschlichen ökonomischen Zustände und gegen die Zerstörung der Natur und Umwelt auf unseren Planeten kämpfen…

… Deine bevorzugte Fortbewegungsart war und ist der Aufrechte Gang. Du stehst als standfester oppositioneller „Zeitgenosse” im Sinne der Weltverbesserung immer am richtigen Platz. Quasi dort, wo der Pablo Neruda und der Bert Brecht auch festgeschrieben sind. (Martin Wachter)

Mach mir hundert Eselsohren

Ich kommentiere: Es kommen Tiere aus dem Sud in unsere Breiten, die uns vergessen lassen werden, dass es einst auch plagefreie Zeiten gab. Schon heute ist die Perle der Arktis, die Stadt Archangelsk, dabei, von den Schwärmen der Gemeinen Arschgeige kahlgefressen zu werden, während die Mandschurische Biene, mausegroß, in den österreichischen Weinregionen die Winzerköniginnen ausrottet. Geht´s mich was an?Kommen Tiere, so mögen sie kommen.

Schwarze Panther haben überall keine Zukunft und queren nie mehr meine heimatlichen Wege. Ich bin alt. Der kürzeste Satz, der in meinem Gesamttext vorkommt. Sein Inhalt korreliert mit seiner Kürze

Zu den Bergen meiner Heimat werde ich nur mehr nach einem negativen Corona-Test durchgelassen. Ich lasse nichts auf sie kommen, aber ich komm ohnehin nie mehr zu ihnen. Meine Füsse streiken – wo haben sie diese Aktivität übrigens gelernt? Wer sich beklagt, er werde alt, stirbt in zwei, drei Jahren. Wer sagt: Ich sterbe, lebt noch siebzehn Jahre. Gestern durchschritt ich einen Park und stürzte mir nix dir nix. Meine eben erst reparierte Brille ist nun unreparabel. Was soll ich davon halten, dass niemand im Park mir Hilfe anbot? War das Gestürz unspektakulär? Hielten die Augenzeugen ihre Zeugenaugen verschlossen?

Es musste ja so kommen, schmunzelte meine Freundin M.: Selbst wenn du den Boden unter deinen Füssen verlierst, schaust du als Stürzender aus wie der letzte Dandy von Wien. Schaut er denn gut aus, wollte ich wissen. Entschuldige, dass auch ich kein Mitleid habe, sagte meine Freundin. Hätt mir grad noch gefehlt zu meinem Leiden, antwortete ich. Und du, host eppa aa koans, fragte ich meine Frau. Niemand kann mir verbieten, empathisch zu sein, ärgerte sie sich. In meiner 3.000-Bücher-Bibliothek warten viele Bücher auf mich. Sie plärren, wenn ich ihnen neue an die Seite stelle.

Das sei die Buchführung eines dementen Sabbergreises, tuschelten sie hinter meinem tatsächlich durch Senilität gebeugten Rücken. Wie kann ein einzelner Zahn- und Gehörloser so viele Bücher kaufen, aus denen er – zeit seines trotz Inkontinenz beschleunigt austrocknenden Lebens – höchstens Klappentexte abklappern würde. Grösste Stille herrscht im Zimmer, wenn die kritische Buchmasse meiner privaten und spontanen Buchmesse mich anschreit: Öffne mich! Mach mit auf! Ich will zart geblättert werden! Mach mir hundert Eselsohren, damit ich dich besser hören kann! Ich hör immer nur BUCHHANDLUNGEN, wenn du von BRUCHLANDUNGEN sprichst. Wie ist das wirklich mit den 3.000 Dingern, die ich veranlasse, als Vorlass und als Nachlass, wie die Namen sagen, dem Vorlesen und dem Nachlesen zu dienen? 500 von den 3.000 Büchern habe ich zu lesen begonnen. Die meisten davon sind meiner Erinnerung entglitten, auch wenn ich bis zum Ende kam.

Unvergessen ist die Ästhetik des Widerstandes von Peter Weiss, Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel Garcia Marquez und der Zauberberg von Thomas Mann. Die Ästhetik las ich zweimal. Ich gab damit an, was mir keine zusätzlichen Bewunderer brachte, denn man glaubt keinem Menschen, der angibt, zweimal 930 Seiten bewältigt zu haben. Zum zweiten mal streberte ich durch den Peter-Weiss-Roman in einem dalmatinischen Badeort am Ende des Peljesac, während zur gleichen Zeit meine Reisebegleiterin mich mit einem marokkanischen Hotel-Animateur (einem Prostituierten, sagte ich) betrog. Jawoll, betrog, sagte ich, obwohl ich in keinem Augenblick den Status eines Betrugsopfers einnehmen hätte können. In der Zeit der Blüte meines Lebens waren diese Bücher die Blüten meines Lebens.

Bei Peter Weiss lernte ich mehr als früher in der Schule und Dalmatien kannte ich besser als das Zillertal. Ich war Ehrendalmatiner und machte alle Frauen, die mich nach Valun und Ljubenice begleiteten, zu Komplizinnen. Orebic ist hässlich wie die Ansichtskarten aus Orebic, Viganje ist verdammt wie das allerletzte Wort auf meiner Zunge, nein, wie der allerletzte Ort auf der Landzunge. Die Menschen sind noch zum rechtzeitig Umdrehen gelaunt, niemand will noch ins Meer, die Delphine aber sind verschwunden, vielleicht tauchen sie ohne Orakel in Telfs wieder auf.

Die Welt ist rätselhaft geworden seit ich alt bin, entgegen den Prognosen der Hinaufklärer. Waren es die Hinaufklärer, die ein Volk ohne Bildung schufen, sodass sie mit ihren eigenen Geschöpfen nur noch in der leichten Sprache kommunizieren konnten: Was ist Parkinson? Parkinson ist eine Krankheit wie Corona. Parkinson ist ewig und fieberlos, das ist der Unterschied.

Wie Corona ist Parkinson eine ansteckende Krankheit. Denn wenn ein Parkinson-Kranker mit zitternden Händen ein Tablett voller Weingläser in die Küche trägt, fangen auch die Gläser zu zittern an

Was mich betrifft, ich lernte alles, was ich zum Leben brauchte, am Keplerplatz. Sogar manhattisch. Ich lernte, dass power Bauer heisst, das solar Power Einzelbauer heisst, das power line Bäuerlein heisst, dass pow wow ein kleiner Bauernhund ist, dass Power Sharing Bauernhering heisst, dass Leasing ein Vorort von Atzgersdorf ist, dass Occident eine Zahnpasta ist, dass square das Gewehr bedeutet und smooth talking schmutziges Gerede. Polyester heisst jeden Tag Ostern und Dirty old man bedeuten dreissig alte Männer.

Schon bevor ich den ersten Blick auf mein English-Lehrbuch richtete, kamen mir ganze Sätze von den Lippen. Sie waren an die Schlagzeilen der Gratiszeitungen angelehnt. Police ejected a Crowd of Africans kann natürlich nur heissen: Der Polizist ejakulierte Negerkraut. Was ich nicht auf dem Platz lernte, lernte ich aus den drei Büchern, und wo sonst ich noch Sprachperlen fand, notierte ich sie mir: Spritverbrauch der Sprechstundenhilfe, Sprachsprossen, Sprächblase, Sprachblässe, Brechts Blasenblut, Sprottenstrudel. Schon einen Tag später war die Liste weiter gewachsen: Die Laufhäuser sind abgelaufen, kein Laufbursch wird mehr geblasen, in den verlassenen Separeés finden beiläufige Lausbubenstreiche mit Laubfröschen statt. Bin ich gelassener im Alter? Nur gefühlt gelassener, gespielt gelassener. Schon eine sonderbare Kampagne der Stiftung Pro Senectute, die ins parallele Fettnäpfchen stürzte, kann mich wütend machen. Vergessen zwischen Gerümpel, das aktuelle PR-Sujet der Stiftung, sitzt eine traurige alte Dame unter dem Slogan «Senjoren gehören entsorgt». Die Werbeagentur hat das «ent» durch ein «um» ersetzt. Ich werde wohl demnächst Bomben in die Stiftung und ihre Agentur werfen. Denn entsorgt zu werden ist für mich genauso blöd wie umsorgt zu werden. Bevor ich umsorgt werde, hänge ich mich auf, aber nicht ohne Kalkül, das mir nach dem Hängen vielleicht helfen wird, zu meiner wahren Heimat zu finden. Hat nicht ein bayrischer Schriftsteller treffend gesagt, «Heimat ist da, wo man sich aufhängt»?

Wenn ich mir die Zivilisationen und das Zeitalter aussuchen könnte, um sie zur Heimat zu erklären (übrigens wüsste ich gerne, warum ich das zum Thema mache; ich bin ganz gut ohne Heimat zurechtgekommen, aber noch besser sind die Heimaten ohne mich zurecht gekommen, besitze ich doch kein einziges tödlich geschliffenes Küchenmesser, mit dem ich mich an denen rächen könnte, die mich Österreicher nennen): ich würde die minoische nennen, keine Überraschung. Wo sonst könnte ich frei zwischen diggitallidigisiert und Anna lockt wählen? Wo sonst wird mir ohne Schachtelsatz erklärt, was eine App ist – A) der von einem Nerd appgebissene Teil eines Golden Delicious oder B) der ganze Golden Delicious minus appgebissenem Teil.

Wo sonst als im minoischen Knossos konnte Künstliche Intelligenz nur mehr mit Hilfe des homo sapiens aus dem Labyrinth befreit werden? Wo sonst als im minoischem Kreta streiten sich ZoologInnen und AgrarökonomInnen über die artgerechte Haltung des Minotaurus? Wo sonst als in der minoischen Kultur geben die UreinwohnerInnen gegenüber den Touristinnen nicht ihr größtes Geheimnis preis: Glauben sie noch an die eigenen Götter?

Aber Vorsicht, bitte, Vorsicht. Stellen Sie keinem Taxifahrer auf dem Weg von Heraklion nach Knossos diese Frage! Er wird Sie an irgend einem Unort – die Strecke soll voll von solchen sein – aus dem Taxi schmeißen und das beste, was Ihnen in der plötzlich aufgefalteten Wirklichkeit der Unwirtlichkeit zustößt, ist, dass der Fahrer der Taxifirma saránta ekató in Würde auf das Fahrgeld verzichtet. Doch er wird Sie, während Ihre entsetzten Augen den Horizont entlang surfen, um ein Eutzerl Zivilisation zu entdecken, während Ihres Ausstieges derartig anschreien, dass Sie ihm lieber das Taxigeld gegeben hätten. Sie werden wohl seine Zunamis des Zorns nicht verstehen. Sie Untergang des Abendlandes, so wird er Sie verfluchen, wie können Sie es wagen, uns Menschen von unseren Göttern zu trennen!

Wir Menschen aus Kreta waren es, die die Götter schufen – wie wäre es überhaupt möglich, nicht an unsere Geschöpfe zu glauben? Andrerseits, wie sollte man Adolf Normalverbraucher aus Postleitzahl 49201 Dissen beim TEUTOBURGER Wald beibringen, dass etwas gleichzeitig sein kann und nicht sein. Was aber eine Postleitzahl hat, kann nicht nichts sein. Wer eine E-Card-Nummer hat, kann täglich einen Fliegenpilz fangen. In der hellenistischen Welt ist smart das Gegenteil von Tod, smart heißt also nichts anderes als td. Baudelare liebe die Einsamkeit, aber er wollte sie in der Menge. Diesen zweckdienlichen Satz hab ich bei Walter Benjamin gefunden. Ein Teuto mag an diesem Satz verzweifeln. Wie kann es sein, dass er nach jährlich neunzig Stunden Philosophieunterricht immer noch glaubt, Dialektik sei die Art, wie sich im Seewinkel Atemwegserkrankungen sprachlich äußern.

Vielleicht hilft folgendes zur Erkenntnis, dass der Widerspruch die Lokomotive aller Entwicklungen ist: die besten österreichischen Schriftsteller wollten beides sein – allein und in Gemeinschaft

Im Grunde gibt es nur in Wien die Infrastruktur, die so ein Leben in Dialektik fördert. «Im Kaffeehaus sitzen die Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen», bemerkte Alfred Polgar. Das Kaffeehaus kann im Sommer auch durch einen vom Volk bevölkerten und mittels Wolken bewölkten Platz ersetzt werden; die Sonne zwischen den Wolken legitimiert den Gebrauch der Sonnenbrille, die das genialste Werkzeug für beides ist: das dunkle Glas beschützt den Einsamkeitssüchtigen, ist aber durchsichtig genug, um die Parkgesellschaft heimlich beobachten zu können. Hinter einer dieser Sonnenbrillen stecke ich.

Der Genosse Allein vom Platz rund um die Keplerkirche, der sich in passivster Art mit den Subalternen des Hiebs verbrüdert, doch wehe, einer von denen steuert das Bankerl an, auf dem ich sitz: Ich heiß Ottokar – und wer bist du? Der Spitzel, der den Abstand misst, versuche ich dann zu schmunzeln.
Das erweist sich als Notbremse gegen soziale Distanzlosigkeit. Es kommt der Tag, an dem uns nichts mehr anderes übrig bleibt, als uns zu verbrüdern. Denn wer uns herausfordert, ist Goliath. Ottokar wird der Erste sein, der meinen Namen kennt.

Der Pfarrer der Keplerkirche hat uns gebeten, Protestchöre für die Rebellion im Gotteshaus zusammenzustellen. Das staatliche Pandemie-Management hat beschlossen, die Gesangelemente aus den Liturgien zu streichen, um die Ansteckungsgefahr zu drosseln. Wird noch viel Rotes sein, am Tag, der kommt? Oder vielmehr viel Totes, wie Brecht es ahnt:
Was liegt denn da im Kot?
Irgend etwas liegt doch im Kot.
Da liegt etwas, das ist mausetot.
Aber das ist ja das Volk!

Ich erinnere mich an unsere Moskau-Scherze aus den 1970er Jahren. Wie erkennt man, ob eine sozialistische Revolution bevorsteht? Wenn die NZZ täglich, neben den Prognosen für Zürich, die Wetteraussichten aus Moskau bringt. Damit die SchweizerInnen wissen, ob sie die Schirme einpacken sollen. Unsere Scherze von damals, wie platt und abgeschmackt waren sie. Heute fällt nicht einmal einem reaktionären Lektor mehr auf, wenn im führenden Schweizer Medium das Wetter von morgen in marxistischer Terminologie dargestellt wird.

«In der Schweiz herrscht heute in Sachen Wetter eine Zweiklassengesellschaft.» (NZZ, 18. Mai 2020). Graupelschauer in Locarno, Heuschreckenschwärme in Appenzell. Warmfront in Ischgl, Rotfront auf Ibiza.

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