Wem gehört Rock’n’Roll

Bertl
Herbert Prohaska (Bild rechts) und der Autor Karl Weidinger

Herbert Prohaska und die Ostbahn Legende ■ „Schneckerls” Erinnerung, ein   „Heimspiel“, am Ostbahn-XI-Platz 1991. Local-Hero Herbert Prohaska hatte Heimvorteil beim legenderen Konzert mit Ostbahn Kurti.

Von Karl Weidinger erschienen in der UHUDLA Ausgabe 110/2019

Es war am Ostbahnplatz in der Hasenleitengasse in Wien Simmering. Und der „Hasenleiten-Bertl“ trat gemeinsam mit dem Ostbahn-Kurti auf. Sozusagen als „Da Joker“ – als Einwechselspieler.

Der Herbert Prohaska, den der UHUDLA zum Faktencheck trifft, ist ein aufgeräumter netter alter Herr. Ein gemütlicher Senior, der in wenigen Minuten beim Huma 11, der Shopping Mall mitten in der Simmeringer Pampa, eine Partie Minigolf spielen wird. Vorher nimmt er sich die Zeit, um ein Gespräch mit dem UHUDLA zu führen. Denn es geht darum, was wirklich auf dem Ostbahnplatz geschah, als der Ostbahn-Kurti in der 39. Spielminute schwer k.o. ging.

Der Bertl war das glücklichste Kind in der Simmeringer Hasenleiten

Herbert Prohaska ist Jahrgang 1955 und wurde anfänglich „Schneckerl“ genannt. Der gebürtige Simmeringer ist Österreichs Jahrhundertfußballer. Im 11. Hieb nannte man ihn „Bertl“. Der „Schneckerl“ war er erst bei der Austria. Als Spieler war er Meister in Österreich und Italien, 83-facher Nationalspieler und langjähriger Trainer. Oder italophil ausgedrückt; Quattro Staggione: Ostbahn XI, FK Austria Memphis, Inter Mailand, AS Roma.

Er verbrachte seine Kindheit in der Hasenleiten. „Ich war in der Hasenleiten das glücklichste Kind, das man sich nur vorstellen kann. Ich ahnte ja nicht einmal, dass es Leute gab, die mehr hatten. Die Hasenleiten war die berüchtigste Gegend, eine Art Klein-Chicago. Sobald die Dunkelheit einbrach, traute sich kein Fremder mehr in unseren Hieb“, erinnert sich Prohaska (gemeinsam mit den Autoren Toni Huemer und Tom Hofer) in seiner Biografie „Mein Leben“, erschienen 2005.

Es geht um das legendäre „Heimspiel“ in Wien Simmering, das am Samstag, 29. Juni 1991 am Ostbahn XI Platz stattfand. „Einlass 16 Uhr, Vorgruppen 17 Uhr, Ostbahn Kurti & die Chefpartie ab 19 Uhr“, so stand es angekündigt. Im Vorverkauf kostete das Ticket 190 Schilling (13 Euro), an der Abendkasse 230 Schilling (15 Euro). Und weiter „Ehrenschutz Herbert Prohaska„. Also ist der Herbert als Zeitzeuge eine verlässliche Quelle.
Kurt Ostbahn alias Willi Resetarits ist eine Kunst- und Kultfigur, entstanden in Anlehnung an „Southside Johnny & the Ashbury Dukes“, ersonnen von dem im Jahre 2000 mit nur 45 Lebensjahren verstorbenen Mastermind Günter Brödl.
Im Jahr 1979 trat der „Ostbahn Kurti“ erstmals in Erscheinung. Im Theaterstück „Wem gehört der Rock´n´Roll“ waren der Kurti, verkörpert vom späteren Moderator Erich Götzinger, und seine Chefpartie nur Nebenfiguren. Sechs Jahre später sollte sich das ändern.

Bevor Ostbahn Kurti und seine Chefpartie gemeinsam als Musiker eine Bühne betraten und ein Konzert spielten, existierten sie bereits im Kopf von Autor Günter Brödl. Er entwarf eine nicht reale Bandbiografie, die bis in das Jahr 1968 zurück reichte. Er stattete jedes Mitglied der Chefpartie und jede Vorläuferband mit einer eigenen, sehr detaillierten Geschichte aus und erstellte Playlisten für fiktive Langspielplatten.
Einer der historischen Meilensteine in der Rockmusik-Geschichte fand auf dem Fußballplatz des Vereins Ostbahn XI statt. Prohaska erinnert sich: „Auch für den Willi war das ein unvergessliches Konzert, weil er von einem Mitmusiker mit dem Griff der Gitarre im Gesicht, an der Wange verletzt wurde, worauf das Konzert unterbrochen werden musste, um den Kurti zu verarzten.“

„Der Willi also der Ostbahn Kurti hat wollen, dass ich mit ihm auftrete und eine Nummer singe: Da Joker. Ich war schon im zweiten Jahr Trainer und bin erst gekommen, als das Konzert schon angefangen hatte. Trotzdem habe ich mitgekriegt, wie der Willi schwer k.o. gegangen ist“, sagt Herbert Prohaska im UHUDLA-Gespräch.
Frauen in der Rockmusik sind keine Seltenheit, meist agieren sie als Sängerinnen. An den tonangebenden Instrumenten sind sie schon deutlich seltener auf den Bühnen des Landes anzutreffen. Eine der ersten in der Männerdomäne Rockmusik war die Gitarristin Miki Liebermann. Sie entwickelte eigene Bandprojekte, schrieb Film- und Theatermusik und ist spätestens seit 1989 weltberühmt in Österreich: Als Gitarristin Lilli Marschall an Kurt Ostbahns Saite und seit 2006 in der Wiener Soul-Formation „5/8erl in Ehr’n“.
Zitat: „Und dann hat der Prinz gesagt, eigentlich gehören zwei Gitarren in die Band. Und drauf der Mario: Er kennt eine Gitarristin: Lilli Marshall alias Miki Liebermann.“ Und so geschah es: Seit 1989 spielt eine Frau an der (oder den) Saite(n) Kurt Ostbahns.

Lilli war eine der 1. Frontfrauen auf den Rock-Bühnen Österreichs

Miki Liebermann hat ihren fixen Platz in der Rockgeschichte dieses Landes. Sie hat ihre Position als tonangebende Instrumentalistin auf der Rockbühne behauptet – als eine der ersten Frontfrauen überhaupt. Ebenso wichtig wie der Künstlername für den Ostbahn Kurti war er auch für Miki Liebermann: „Wenn ich in der Volksschule gefragt wurde, was ich werden wollte, habe ich immer Zirkuskünstlerin gesagt. Lilli, das klingt so nach Seiltänzerin, und Marshall, das war der Verstärker, auf dem ich gespielt habe“.
Und was passierte am Ostbahnplatz beim Heimspiel 1991 in der 39. Spielminute nun wirklich? „Beide sind, weil sie so euphorisch waren, nach vor gestürmt. Und der Leo Bei, mit Künstlernamen Karl Horak, hat dem Kurti mit dem Bass eine Watsche gegeben, versehentlich, so dass der Kurti von der Wucht gleich schwer k.o. gegangen ist. Man hört den Wumms so richtig laut auf dem Live-Video. Der Kurti hat nachher aber wieder weitermachen können. Mit dickem Pflaster auf der Wange“, erinnert sich Miki Liebermann alias Lilli Marschall.

„Jaja, der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten – aber nicht immer. Auf dem Ostbahnplatz kann es schon mal das 5-6fache der Spielzeit dauern“, weiß die Gitarristin, die in der Hasenleiten aufspielte: „Wir konzertieren gut und lang – und laut auch immer. Aber fünf Stunden is zu lang – auch für die Leute.“
20 Jahre später wurde das legendäre Konzert am 27. August 2011 noch einmal gespielt. Quasi Retourmatch. Und auch wieder mehrere Stunden lang. Aber Lampenfieber hat man nach mehr als tausend Auftritten nicht mehr wirklich. Doch nun zurück in die glorreiche Vergangenheit:

„Die Situation in der Chefpartie war damals extrem. Man ist mit den Arbeitskollegen sehr viel und intensiv zusammen gewesen – teilweise echt heftig. Viele Zeit im Bandbus. Dabei lernt man, wie man mit sich selbst alleine sein kann, während man mit sechs Wahnsinnigen unterwegs ist.“
Willi Resetarits schickte Kurt Ostbahn in Pension, lässt die Kunstfigur aber immer wieder gerne aus dem Ruhestand zurückkehren, begleitet von seinen beiden Stammformationen „Die Combo“ und „Die Chefpartie“. Miki Liebermann alias Lilli Marschall ist seit 1989 mit von der Partie, der Chefpartie. Konzertende ist wie so oft, wenn der letzte Nachtautobus geht. Die Konzertdauer damals war eine Monsteraufgabe mit der ewigen Verlängerung. „I hab gar net geglaubt, dass unsere doch schon in die Jahre gekommen Fans so lange aushalten würden.“ Und zuletzt spielte sie „für den Ostbahn“ im August 2017 auf der Burg Clam. Es war das einzige Konzert 2017: “A botzn Hetz, original mit dem 16er-Blech und der Kurti-Semmel“.

Das neue Projekt von ihr nennt sich „5/8erl in Ehr’n“ und sie bezeichnet die Musikrichtung als Wiener Soul. Gegründet wurde das Ensemble im Jahre 2006. Im April 2017 erschien das fünfte Album mit dem sarkastischen Titel „Duft der Männer“. Die Nummer „Badeschluss“ wird seither auch in den öffentlichen Bädern der Gemeinde Wien zur Sperrstunde gespielt. Und das ist auch hier ein würdiger Abschluss.

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