25. April 1974 – Mehr Oktoberrevolution wagen

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Nachwort, Agrarreform Portugal Natürlich blickt man 2024, im Jahre 50 nach der Aprilrevolution, noch einmal anders auch auf ihre schönste Errungenschaft, die Agrarreform.

Von Martin Leo

Rückblickend muss man sich vergegenwärtigen, dass sämtliche Veränderungen, die nach dem Sturz der Diktatur am 25.April 1974 durchgesetzt wurden und denen überhaupt nur zu verdanken ist, dass eine militärische Erhebung zu einer „Aprilrevolution“ genannten Volksrevolution wurde, ihren Ursprung ausschließlich in den ersten zwei Jahren hatten, die zwar nicht die Welt erschütterten, aber doch die Heimat der Portugiesen. In diesen zwei Jahren bis 1976 fand Geschichte im Zeitraffer statt.

Volle achtundvierzig Jahre dauerte es dagegen, die tiefgreifendsten Veränderungen dieser beiden Jahre schrittweise wieder zurück zu drängen. Das waren jene revolutionären Maßnahmen, die bereits weit über eine einfache bürgerlich-demokratische Erneuerung hinaus reichten und schon in eine Richtung wiesen, die die ökonomische Macht von großen Banken und Monopolen   sowie den Einfluss der reichsten portugiesischen Familien dauerhaft überwinden wollte.

Ausgeprägter als heute gab es in der damaligen Gesellschaft ein Verständnis dafür, dass diese sozialen Kräfte die eigentlichen Nutznießer und Stützen des faschistischen Regimes waren. Heute spricht man gern von Oligarchen und „Eliten“, verknüpft dies jedoch selten mit einer Kapitalismuskritik oder mit dem großen Kapital des eigenen Landes. Schon gar nicht ist weiterhin davon die Rede, dass Faschismus und Krieg erst auf dem Boden einer Gesellschaft entstehen, in der die Eigentumskonzentration in den Händen sehr weniger Menschen gesetzmäßig ist und die sich Institutionen geschaffen hat, die diese Herrschaft verewigen sollen.

Agrarreform sollte neue Entwicklungslogik etablieren

Die Versuchung bleibt groß, die portugiesische Agrarreform mehr unter einem nostalgischen sozialromantischen Blickwinkel zu betrachten. Das aber hat sie nicht verdient. Sie war ein sehr ernst zu nehmender Versuch, durch die Übertragung des Bodens an die, die ihn bearbeiten, einer neuen Entwicklungslogik auf der Grundlage einer neuen Eigentumsstruktur zum Erfolg zu verhelfen. Sie war die unmittelbar auf der Hand liegende Antwort auf die Frage, auf welche Weise und zu wessen Nutzen der vorhandene landwirtschaftliche Boden mit allen verfügbaren Händen genutzt werden sollte.  Diese neue Entwicklungslogik war eine Provokation der bis dahin sozial, politisch, wirtschaftlich und auch ideologisch vorherrschenden Mächte.

Sie sabotierten die Fortsetzung dieses „Versuchs“ von dem Augenblick an, in dem sie die „Kommandohöhen“ im Staat wieder vollständig zurück erlangt hatten. Ein wirtschaftliches und soziales Modell, das nicht auf dem Boden kapitalistischen Eigentums basierte, durfte keinen Erfolg haben.

Diese Feststellung ist wichtig, denn die demokratische bürgerliche (kapitalistische) Gesellschaft nimmt zwar immer wieder gern „Pluralismus“ für sich in Anspruch, versteht darunter jedoch am allerwenigsten einen Pluralismus von Eigentumsverhältnissen: Hier hört normalerweise der Spaß auf, es sei denn, besondere Umstände (d.h. Kräfteverhältnisse) erzwängen die Duldung eines starken öffentlichen, zum Beispiel genossenschaftlichen Sektors.

In Portugal fehlte, wie seine nachrevolutionäre Geschichte seit fünfzig Jahren beweist, selbst jenen Parteien das Interesse an einer „gemischten Wirtschaft“, die einen quasi-sozialistischen Genossenschaftssektor umschlossen hätte, die zunächst das Ziel eines „demokratischen Sozialismus“ in ihre Programme geschrieben hatten und den Kommunisten mit allerlei wohl klingenden Phrasen das Wasser abzugraben versuchten.

Kaum waren sie an der politischen Macht und mussten diese weder mit linken Militärs noch mit der PCP und ihren Verbündeten teilen, enttäuschten sie die eigenen ehrlichen Anhänger und Wähler, die tatsächlich geglaubt hatten, es ginge ihnen um Projekte der Arbeiterselbstverwaltung (und nicht nur um den Kampf gegen „kommunistische Parteiherrschaft“) in Unternehmen der Landwirtschaft, der Industrie oder in Dienstleistungen.

Erinnern wir uns an Klassenkampf von oben

Erinnern wir uns, wie insbesondere Vertreter der Sozialistischen Partei monierten, wie unerhört groß einige der Produktionsgenossenschaften geworden waren – dem Latifundium sei ein „Parteilatifundium“ gefolgt! Erinnern wir uns daran, wie kleinen und mittleren Landwirten suggeriert worden war, dass die Agrarreform sie beseitigen wollte. Erinnern wir uns daran, dass ihnen versprochen worden war, sie im Zuge der Rückverteilung von Bodeneigentum zu berücksichtigen und die familiären Betriebe generell besonders zu fördern.  Erinnern wir uns daran, dass man dem Genossenschaftssektor, dessen Entwicklung man keine ruhige Minute gegönnt hatte, eine mangelnde Diversifizierung der Produktion, mangelnde Fachlichkeit und zu geringe Produktivität vorgeworfen hatte.

Für die Verfechter der bekämpften Agrarreform war die Größe der Güter allein kein Kriterium. Das Kriterium war die für das Land sinnvolle Art der Nutzung landwirtschaftlicher Flächen. Das Land hatte für sie eine soziale Funktion.

Strategisch gesichert werden sollte die Erzeugung von Nahrungsmitteln für ganz Portugal. Der ansässigen Bevölkerung sollte die Aussicht auf eine menschenwürdige Existenz geboten werden mit ganzjähriger Erwerbsarbeit, einer guten öffentlichen sozialen Infrastruktur, ausreichenden Renten und einem kulturellen und sozialen Umfeld, das auch die Jugend von der Flucht in die Städte oder ins Ausland abhalten sollte.

Regionale Asymmetrien sollten beseitigt werden; Bevölkerungs- und Altersgleichgewichte sollten hergestellt werden.  Die schrittweise Erhöhung der Produktivität hätte der industriellen Verarbeitung der Erzeugnisse in der Region den Weg gebahnt, ganzjährige Arbeitsplätze geschaffen und mittelfristig zugleich die Mittel bereitgestellt für ein verbessertes Gesundheits-, Bildungs- und Verkehrswesen. Die angestrebte Ausweitung der agrarischen Produktpalette hätte die Abhängigkeit von Monokulturen verringert, der gesamten nationalen Versorgungssicherheit gedient und ökologisch höheren Nutzen erbracht.

In Wirklichkeit hatten jedoch auch die Gegner der Agrarreform keine wirklich grundsätzlichen Probleme mit großen Gütern. Für sie kam es wesentlich darauf an, in wessen Händen sich diese befanden und in wessen Interesse sie – gegebenenfalls – bewirtschaftet wurden. Die Gleichsetzung des Genossenschaftswesens mit der PCP sollte dumpfen Antikommunismus für die Zerschlagung eines konkurrierenden Gesellschafts- und Eigentumsmodells mobilisieren. Als dieses Ziel erreicht war, spielten viele der bisherigen Einwände keine Rolle mehr und erwiesen sich einmal mehr als vorgeschoben.

Erinnern wir uns daher an den Klassenkampf von oben, mit dem Effizienz, Potenzial und soziale wie demokratische Verankerung der Agrarreform bekämpft wurden und werfen wir einen kurzen Blick darauf, ob die vorläufigen Sieger dieser Geschichte denn irgendetwas Gutes für Portugal erreicht haben.

Fortdauer der Eigentumskonzentration als Grundproblem

Für den Zweck eines Nachworts, der hier verfolgt wird, schauen wir uns nicht den gesamten Zeitraum seit 1988 an, als die hier vorgestellte Arbeit über die Agrarreform entstand, sondern stützen uns im Wesentlichen auf die Entwicklung der letzten 25 Jahre, da sie zudem eine vorherige Tendenz nur weiter fortgesetzt hat.

Wie uns die portugiesische Agrarstatistik für die Jahre 2009 – 2019 bestätigt, blieb das Grundproblem der portugiesischen Landwirtschaft, die Konzentration riesiger Flächen in den Händen weniger Eigentümer, nicht nur bestehen, sondern verschärfte sich sogar. So verfügten 5% der Agrarbetriebe über 36.7% der landwirtschaftlichen Nutzfläche, während sich 95% der Betriebe die restlichen 58,6% der Nutzfläche teilten. Erhalten blieb dem Grunde nach, dass der Norden Portugals weiterhin viel stärker von bäuerlichem Kleineigentum geprägt ist als der Süden. Dennoch schreitet auch dort die Konzentration voran.

Insbesondere aber das Alentejo mit den Distrikten Évora, Beja und Portalegre bleibt das Land des privaten Großgrundbesitzes, nur dass es 2019 4.731 Betriebe (das entspricht einem Anteil von 14%) von großen, zumeist ausländischen, oft spanischen Agrargesellschaften waren, die über 48,8% der landwirtschaftlichen Nutzfläche verfügten. Es waren noch 26.657 einzelbäuerliche Wirtschaften erhalten geblieben, die sich auf den Rest der Nutzfläche verteilten. Auf Agrargesellschaften (in Portugal 5% aller Betriebe) entfiel im Durchschnitt der EU ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche; in Portugal waren es bereits 37%. Diese Betriebe verfügten im Schnitt über 99,7 ha.

Für die weiter vorangeschrittene Konzentration von Grundbesitz im Alentejo spricht auch die Tatsache, dass auf seine drei Distrikte 2019 zwar 55,9% der gesamten portugiesischen Nutzfläche entfielen, aber nur 11,7% der Landwirtschaftsbetriebe. Mit einer Durchschnittsfläche von 68,9 ha pro Betrieb (portugiesischer Durchschnitt 13,7 ha)  gab es im Alentejo mit weitem Abstand die größten Betriebe.

Zwischen 1999 und 2009 sank die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe Portugals von 415.969 um 26,6% und von 2009 bis 2019 um weitere 4,9% auf schließlich 290.229, während sich die Durchschnittsfläche allein seit 2009 von 12 auf 13,7 ha vergrößerte. Diese Tendenz verzeichnete man bereits 1989-1999, wobei die kleinen Betriebe von 1-100 ha Fläche 55.035 ha verloren und Betriebe ab 100 ha 136.917 ha gewannen. In diesen zehn Jahren unter Regierungen, die von der PS bzw. der PSD gestellt worden waren, wurden 11.143 überwiegend kleinbäuerliche Betriebe (das waren 23,7% aller LW-Betriebe) zerstört.

Der Niedergang der Familienbetriebe

Im Alentejo wurden 2019  noch 31.131 Betriebe gezählt; es hatte seit 2009 13,3% seiner Landwirtschaftsbetriebe verloren.

Während 2019 in der EU noch mehr als drei Viertel des landwirtschaftlichen Arbeitsvolumens auf Familienbetriebe entfielen, waren es in Portugal 68%.

Der Einsatz landwirtschaftlicher Arbeitskräfte (gemessen am Äquivalent von einer Arbeitskraft an 240 Tagen/Jahr zu je acht Stunden) sank zwischen 2009 und 2019 um insgesamt 14,4%. Gleichzeitig nahm jedoch die Lohnarbeit zu (+30,7%), so dass es die Familienbetriebe waren, die zum deutlichen Rückgang beitrugen. Das Durchschnittsalter der Einzelbauern stieg von 62 Jahren auf 64 Jahre.

Eine Studie des Lissaboner Universitätsinstituts kam 2021 zu dem Ergebnis, dass nur 13% der Familienbetriebe ausschließlich von der Landwirtschaft leben konnten. Die Durchschnittsgröße eines Familienbetriebs bestand aus zwei Personen. Kennzeichen waren Überalterung, geringe Qualifikation und niedrige Effektivität. Das Einkommen vieler Bauern, schrieb die Zeitschrift „Militante“, habe oft nicht gereicht, um Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen.

Freilich liegt die Durchschnittsgröße des deutschen Landwirtschaftsbetriebs mit 64,13 ha (2022) längst deutlich über der aktuellen portugiesischen. Und auch in Deutschland sank die Gesamtzahl der überlebenden Betriebe in den letzten dreißig Jahren gewaltig. Beide Länder, Portugal seit 1986, unterliegen den gleichen Vorgaben der Brüsseler Agrarpolitik, die faktisch auf die Beseitigung kleinerer Betriebe zielen. Festzustellen ist deswegen, dass es natürlich nicht die sozialistische Agrarreform mit ihren Kooperativen war, die bäuerliche Familienbetriebe in Portugal zerstörte. Sie nutzte man als antikommunistisches Schreckgespenst.

Diese Bauernwirtschaften hätten in Wirklichkeit umgekehrt ausschließlich an der Seite eines starken Genossenschaftssektors eine tatsächliche Überlebenschance gehabt und rentabel wirtschaften können.

Den immer weniger werdenden portugiesischen Familienbetrieben ist eine Selbstbestimmung auch wegen der Brüsseler Agrarpolitik kaum noch möglich. Die Subventionen, die Landwirten gezahlt werden, sind an bestimmte Produkte gebunden, was die Möglichkeiten von Bauern zur Diversifizierung der Produktion einschränkt. Auch in Portugal nutzen diese Subventionen insbesondere vier große Handelskonzerne aus, die keine kostendeckenden Preise an die Landwirte zahlen.

Entvölkerung und Mangel an sozialer Infrastruktur

Im Oktober 1985 beschrieb der damalige Staatspräsident Ramalho Eanes anlässlich einer alentejanischen Entwicklungskonferenz die Probleme des Alentejo wie folgt:

Die Alentejaner warteten „seit langem auf eine Lösung für die Probleme der Entvölkerung, des Mangels an sozialer Infrastruktur, des Analphabetismus, der Erfüllung der Grundbedürfnisse (…). Aber wir alle wissen, dass unter dem Potenzial, das in dieser riesigen Region vorhanden ist, das größte Kapital die Menschen im Alentejo selbst sind, die mit einer spezifischen und charakteristischen Kultur (..) ein grundlegender Vektor für Transformation und Entwicklung sind.“

Diese Beschreibung des damaligen Staatspräsidenten war richtig. Aber bis zum Februar 1990 waren die Kooperativen der allein eine Perspektive bietenden Agrarreform im Ergebnis eines mit allen Mitteln, von Gewalt bis zu ökonomischem Zwang, geführten Klassenkampfs auf 10% der ursprünglich besetzten Flächen zurück gedrängt worden.

Um alle nach dieser gründlichen Zerschlagung der Agrarreform erlittenen sozialen, wirtschaftlichen und auch kulturellen Rückschläge aufzuzeichnen, fehlt hier der Raum.

Zu den skandalösesten Erscheinungen gehörte, dass noch 2001 15,9% der alentejanischen Bevölkerung über 10 Jahre weder lesen noch schreiben konnten; beim Zensus 2011 waren es mit 9,7% immer noch fast doppelt so viele wie im Landesdurchschnitt. Selbst 2021 bestätigte sich dieser Sachverhalt, wenn auch mit verringerten Zahlen ( 6,4% Alentejo, 3,08 % Landesdurchschnitt). Der Rückgang war nicht etwa auf „kulturelle Dynamisierung“ und Bildungsoffensiven wie kurz nach der Revolution zurück zu führen, sondern war schlicht dem Wegsterben analphabetischer Senioren zu verdanken. Überflüssig zu sagen, dass die Zahl der Analphabeten nirgendwo in Portugal höher war.

In den drei Alentejo-Distrikten Beja, Portalegre und Évora lebten 1981, als noch Genossenschaften in der Agrarreformzone existierten, laut Volkszählung 511.602 Menschen. Bis 2021 sank die Einwohnerzahl auf 401.777 (Volkszählung 2021). Das Ergebnis war noch um 60.000 schlechter als die Prognose des portugiesischen Statistikinstituts INE von Anfang 2000. Diese Entwicklung ist vergleichbar mit den Jahren unter der Diktatur, als die Zahl der Alentejaner von 667.479 (1960) auf 523.479 (1970) fiel.

Gemäß Demografiebericht 2022 der portugiesischen Statistikbehörde INE hatte die Region Alentejo zwischen 2017 und 2022 mit 0,2% den geringsten Bevölkerungszuwachs von allen portugiesischen Regionen; im Durchschnitt war die Bevölkerung Portugals um 1,27% gewachsen. Dass das Alentejo aber ebenfalls leicht wuchs, hatte es ausschließlich einem positiven Saldo der Migrationsbewegung zu verdanken, der im genannten Zeitraum mit rund 4% über dem Landesdurchschnitt von etwas über 3% lag. Leicht höher lag der Migrationssaldo nur in der Region Centro und im Algarve (5,6%). Tatsächlich verzeichnete das Alentejo zwischen 2017 und 2022 mit -4,7% den größten Bevölkerungsverlust aller Regionen, wenn man ausschließlich die Differenz zwischen Sterbefällen und Geburten betrachtet.

Dies ist kein Indiz für ein verbessertes Lebensniveau in der Region, sondern für eine im Prinzip nur durch die Agrarreformzeit kurzzeitig unterbrochene strukturelle Fehlentwicklung. In dieser Zeit hatte sich die Anbaufläche von vor den Landbesetzungen bis zum Jahr 75/76 verdreifacht; allein die Getreideproduktion stieg um das 2,8-fache und die Zahl der Arbeitsplätze vervierfachte sich. Viele der Menschen kehrten zurück, die in den Jahrzehnten zuvor ausgewandert waren, wie eine 2011 in Évora erschienene Untersuchung feststellte.

Die Überalterung in der Region Alentejo

Diese Daten sowie die Tatsache, dass die Region Alentejo mit der Region Centro 2022 zu jenen mit dem geringsten Anteil von Menschen im arbeitsfähigen Alter (ca. 61%) gehörte, aber einen überdurchschnittlichen Anteil an Menschen über 65 Jahren (26,8% gegenüber landesweit 24%) aufwies, sind weitere Indizien für eine anhaltend unzureichende soziale Attraktivität der drei Distrikte Évora, Beja und Portalegre.

Während in ganz Portugal 2022 auf 100 Jugendliche 185,6 „Alte“ entfielen, waren es im Alentejo bereits 215,6. Mit einer Ausnahme (2021) hatte das Alentejo zwischen 2017 und 2022 stets die niedrigste Zahl an Eheschließungen.

Zu Beginn des 21.Jahrhunderts hatte das Alentejo so wenig Bewohner wie 1910; es hatte eine ältere Bevölkerung als 1920 und verlor zwischen 1950 und 2001 33,2% seiner Bevölkerung.

In den drei Alentejo-Distrikten gibt es 14 Städte (Stand 2003), von denen keine mehr als 50.000 Einwohner zählt. Während fast alle der 47 Munizipien schrumpften, gewannen die meisten der Städte im Rahmen der Landflucht jedoch Einwohner hinzu.

Der von Eanes beklagte Mangel an sozialer Infrastruktur machte sich erneut stark bemerkbar. Aber nicht nur Schulen, Gesundheitsdienste und Postämter verschwanden mit den Bewohnern aus dem ländlichen Raum, sondern auch für die Wirtschaft wichtige Eisenbahnlinien, Bahnhöfe, Kreditinstitute, Schlachthöfe und „Casas do Povo“; diese erfüllten soziale und kulturelle Aufgaben in den Dörfern. Mit den Familienbetrieben verschwanden auch oft Dienststellen des Landwirtschaftsministeriums aus der Region, ganz nach dem Motto der Neoliberalen „Weniger Staat“.

Zu den Skandalen gehört aktuell, dass nun tausende unter beschämenden Bedingungen arbeitende ausländische, häufig asiatische Landarbeiter den Reichtum schaffen, der weder ihnen noch den Einheimischen zufließt, sondern weiterhin jenen, die das Land niemals selbst bebaut hatten.

Saisonarbeit und prekäre Lebensverhältnisse

Auf die Agrarunternehmen, die mit hohem Kapitaleinsatz, hohem Mechanisierungsgrad und niedrigsten Löhnen (man spricht in Portugal erneut von „Sklavenarbeit“) intensive und hochintensive Landwirtschaft betreiben, entfallen 20,7% aller in der Landwirtschaft beschäftigten Menschen.

Von 2009 bis 2019 stieg die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Lohnarbeiter von 41.369 auf 59.808 (+44%). Die meisten von ihnen arbeiteten in Agrarunternehmen. Hinzu kamen 2009 27.621 Saisonarbeiter; 2019 waren es 30.350.

Stellten Lohnarbeiter 2019 im gesamten Land 28,7% der landwirtschaftlich Beschäftigten, so stieg deren Anteil im Alentejo von 49% 2009 auf 56,1% 2019. Ein knappes Drittel davon war nur saisonal beschäftigt. Prekäre Beschäftigungs- und Lebensverhältnisse und verschärfte Ausbeutung sind Merkmale auch des modernen, intensiv wirtschaftenden kapitalistischen Großgrundbesitzes im Alentejo.

Die Beschäftigung in der portugiesischen Landwirtschaft sank zwischen 2009 und 2019 um 14%. Gleichzeitig konnten Produktion und Export gesteigert werden:

„Es wird mehr mit weniger Personen produziert“, freute sich der Verband der Großagrarier und Agrounternehmen, CAP.

Dabei ist vollkommen klar, dass die Steigerung der Produktivität zu Lasten der Familienbetriebe ging, deren Anteil an Arbeitskräften im gleichen Zeitraum um 30% (bei Eigentümern) bzw. um 25% (im Fall ihrer Angehörigen) sank. Die Erhöhung der Produktivität der portugiesischen Landwirtschaft wurde um den Preis weiterer regionaler, demografischer und sozialer Ungleichgewichte erreicht, wobei die Konzentration von Boden in immer weniger Händen sowie die Lohnarbeit vorangetrieben wurden.

Die Landwirtschaft verlor dadurch und durch EU-Vorgaben an Produktvielfalt. Sozial und ökologisch sehr bedenkliche, intensive und hochintensive Monokulturen wurden gerade im Alentejo gefördert. Wurden Familienbetriebe nicht von Brüssel drangsaliert, zum Beispiel durch Quoten oder Flächenstillegungen, waren es Banken als Kreditgeber, die den privaten Landwirten die Entscheidung darüber abnahmen, was sie anbauten und was benötigt wurde.

Sie sind deswegen häufig gezwungen, sich zum Beispiel auf Kartoffeln, auf Salat, auf bestimmte Obstsorten oder auf die Schafzucht zu spezialisieren. Produziert wird, was die kapitalistische Agrarindustrie interessiert.

Familienbetriebe und Kooperativen wären ein größerer Schutz vor dem Einfluß großer multinationaler Hersteller von Saatgut, Pestiziden oder Dünger gewesen, die auf einem globalen Markt den Handel, die Produktion, den Konsum und die Reproduktion kontrollieren.

Richtig und für das Land nützlich wäre eine diversifizierte Produktpalette unter Berücksichtigung regionaler und meteorologischer Bedingungen sowie der Bodenbeschaffenheit. Richtig wäre eine Unterstützung der Familienbetriebe durch den Bau von Lagern, Kühlhäusern und Silos. Dies können und wollen weder die monopolisierte Agrarwirtschaft noch die ihnen verpflichteten Regierungen leisten. Sie sind keine Verbündeten der regionalen Entwicklung.

Überausbeutung ist nicht nachhaltig

Die portugiesischen Regierungen selbst bevorzugten die großen Agrar- und Agrarvertriebsunternehmen besonders im Alentejo. Gefördert wurde damit ein Modell der Landausbeutung, das aus wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Sicht nicht nachhaltig ist.

Der Alqueva-Stausee, das größte künstliche Gewässer Europas, staut das Wasser des Rio Guadiana auf und erweitert die Bewässerungsflächen des Alentejo um mindestens 120.000 Hektar. Das 2002 fertig gestellte Projekt ist vielen Ausländern nur wegen seiner Auswirkungen auf die Umwelt bekannt geworden, ganz so, als habe es von Anfang an einer Landwirtschaft dienen sollen, die mit ihren hochintensiven Monokulturen extrem viel Wasser verbraucht und mehr Kunstdünger, Herbizide, Insektizide und Fungizide einsetzt.

Das war jedoch ganz und gar nicht der Fall. Die Planung für das „Mehrzweckprojekt“ Alqueva entstammte noch der Zeit Salazars; die Idee wurde jedoch auf Grund des fehlenden Interesses an der Entwicklung des Alentejo nie verwirklicht. Erst 1977, etwa zeitgleich mit dem berüchtigten „Lei-Barreto“ der PS-Regierung, das der Agrarreform den Todesstoß versetzte, waren erste Realisierungsschritte unternommen worden. Für die Kooperativen verbanden sich mit der Bewässerung alle Hoffnungen auf eine deutliche Erhöhung der Erträge und auf eine Erweiterung ihrer Erzeugnisse, auf stabile Einkünfte und Beschäftigung, eben auf „Zukunft“.

Es ist jedoch bezeichnend, dass diese auf sozialistischer und nicht kapitalistischer Produktionsweise basierenden Betriebe erst zerstört werden mussten, damit nicht sie, sondern die großen Agrarkonzerne vom Stausee profitieren konnten. Dennoch wurde die Fertigstellung von Anhängern einer neuen Agrarreform als ein „überwältigender Sieg der Alentejaner“ betrachtet, der allerdings gegenwärtig vor allem mehrheitlich spanischen Agrarkonzernen wie Elaia, De Prado, Olivomundo, Aggraria, Innooliva und Bogaris zu Gute kommt. Denn sie halten im Einzugsgebiet mit ihren Intensivkulturen 65,5% des Olivenanbaus im Alentejo. Sie bekamen seit 2007 etwa 800 Millionen Euro Subventionen. Im Bewässerungsgebiet des Alqueva pflanzten sie 70 Millionen Olivenbäume, die 60% der Fläche einnehmen. Dafür waren auch alte Steineichen, Korkeichen und jahrhundertealte Olivenbäume gefällt worden. Die eingesetzte Agrarchemie verpestet Luft, Böden, das Grund- und das Oberflächenwasser.

In den letzten Jahren hat sich der Einsatz von selbstfahrenden Erntemaschinen im hochintensiven Anbau von Oliven, Mandeln und Trauben vervierfacht. Für diese Arbeit werden also kaum noch Menschen benötigt. Diese Mechanisierung erfordert einen Kapitaleinsatz, den ein Familienbetrieb nicht leisten kann.

Das Bewässerungsland im Alentejo um den Alqueva-Stausee herum hat zu einer „Überausbeutung“ und damit zu Verhältnissen geführt, die Befürworter der alten und einer neuen Agrarreform befürchtet hatten.

Dauerkulturen wie Oliven, subtropische Früchte und Mandeln nehmen in Portugal nun die größte Fläche seit dreißig Jahren ein. Dies ist eine für das Land eher sehr schlechte Entwicklung, denn sie geht zu Lasten des Ackerbaus, d.h. des  Anbaus von Kartoffeln und von Getreide. Allein zwischen 2009 und 2019 wurden die Flächen für Kartoffeln um 28,6% und von Getreide um 32,2% verringert. Im Alentejo, einst portugiesische Kornkammer, reduzierte sich die Anbaufläche von 187.000 ha (2009) auf 99.000 ha (2019).

Gefährdung der Ernährungssicherheit

Der eher konservative portugiesische „Expresso“ berichtete im März 2022, dass die Selbstversorgung Portugals bei Getreide von 23% 2018 auf 10% 2022 gefallen sei.

Dazu erklärte die PCP, wichtigste politische Verteidigerin der Agrarreform, in einer Pressekonferenz im März 2022, das Defizit in der Agrar- und Ernährungsbilanz bei Getreide, Rindfleisch oder Kartoffeln stelle „nicht nur die Ernährungssouveränität des Landes, sondern sogar die nationale Sicherheit in Frage.“

Bei Weizen bestehe sogar eine 95-prozentige Abhängigkeit, bei Mais zu 70% und bei anderen Getreidearten zu 75%. Die heutige portugiesische Landwirtschaft garantiere nicht einmal die Produktion der wesentlichen Lebensmittel für die Bevölkerung. Die Familienbetriebe sollten nicht weiter missachtet werden, die Preise für Kunstdünger und Pestizide sollten kontrolliert und die Energie- und Treibstoffpreise begrenzt werden. Die Bauern benötigten eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Strom und eine Vergünstigung beim Agrardiesel. Man befürworte Anreize für den Getreideanbau und Unterstützung bei der Auswahl der dafür besten Böden. Die kleinen und mittleren Produzenten bräuchten Preis- und Absatzgarantien.

Die neuen Intensiv- und Hochintensivkulturen trugen dazu bei, dass die portugiesische Handelsbilanz der Land- und Forstwirtschaft positiv ist (gestützt vor allem auf Zellulose, Kork, Wein, Getränke, Obst und Gemüse).

Den großen Profiten der Konzerne stehen aber neben der Abhängigkeit von ausländischen Grundnahrungsmitteln Umweltverschmutzung (Pestizide, transgenes Saatgut), die Erschöpfung natürlicher Ressourcen und die Abhängigkeit vom Finanzkapital gegenüber.

Billige Arbeitskräfte aus dem Ausland

Das Alentejo, einst Kerngebiet der revolutionären Agrarreform, ist auch heute wieder ein dünn besiedeltes Gebiet. Doch die Veränderungen seither haben dazu geführt, dass die unterbezahlte Arbeit in der Landwirtschaft immer weniger akzeptiert wird. Die Reaktion der Agrarkonzerne darauf besteht nicht darin, die Löhne zu heben und breit in die regionale Entwicklung zu investieren, sondern in der massiven Anwerbung von billigen Arbeitskräften aus dem Ausland, vor allen Dingen auch aus asiatischen Ländern wie Nepal, Bangladesch, Indien und auch Thailand.

Die oft untergeordneten und wenig Qualifikation erfordernden Arbeiten im Obst- und Gemüseanbau fördern einen Drehtüreffekt. Viele Arbeiter, insbesondere auch Osteuropäer, bleiben nur vorübergehend und nutzen die Arbeit als Sprungbrett.

Wie elend die nepalesischen Arbeiter entlang der schönen Westküste des Alentejo und um die Stadt Odemira herum untergebracht, bezahlt und versorgt wurden, machte in Portugal erst während der Pandemie Schlagzeilen. Es offenbarten sich schlimmste Ausbeutungsmethoden sowie gravierende Defizite in den Bereichen Wohnen, Gesundheit, Schule, Familie und Bildung.

Für die fortschrittlichen Kräfte in Portugal sind dies neue Herausforderungen. Es sind kulturelle und sprachliche Brücken zu bauen. Gewerkschaften müssen die neuen Kolleginnen und Kollegen in ihre Reihen integrieren. Das alentejanische, das portugiesische Landproletariat verändert sein Gesicht und seine Sprache. Vorherrschend sind nach 50 Jahren nicht mehr die absentistischen Großgrundbesitzer, sondern der Agrarkapitalist. Die heroische Klasse der Landarbeiter des Alentejo, so formulierte eine portugiesische Monographie über die Agrarreform 2004, unterlag tiefen qualitativen und quantitativen Mutationen.

Verfassungswidrige portugiesische Realität

Die portugiesische Realität in der Landwirtschaft ist, gemessen an der portugiesischen Verfassung, die selbst nach sieben Revisionen noch fortschrittlich ist, verfassungswidrig.

So verlangt Artikel 93 u.a. die bessere Versorgung des Landes, die Verbesserung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lage von Landarbeitern und Bauern. Er verlangt Zugang zu Eigentum und Besitz von Land und anderen Produktionsmitteln sowie die Gewährleistung einer rationellen Bodenbewirtschaftung.

Artikel 94 verlangt die Größenanpassung landwirtschaftlicher Betriebseinheiten, die in Bezug auf agrarpolitische Ziele überdimensioniert sind. Enteignete Ländereien sollen an Kleinbauern oder Genossenschaften übergehen.

Artikel 95 verspricht Hilfen für Minifundien, sich zu vergrößern.

Artikel 97 verlangt vom Staat, dass er vorrangig kleine und mittlere Landwirte sowie Genossenschaften im Bereich der Produktion und Kommerzialisierung unterstützt. Er soll Vereinigungen von Landarbeitern und Landwirten fördern.

Artikel 98 wiederum verpflichtet die Regierung, Landwirte und Landarbeiter an der Festlegung der Agrarpolitik zu beteiligen.

Von all dem geschah unter den Regierungen der PS und der Rechtsparteien das Gegenteil.

Die notwendige neue Agrarreform wird eines Tages unter ganz anderen Bedingungen stattfinden als die alte. Sie muss auch die Kluft zwischen Verfassungsanspruch und Verfassungswirklichkeit schließen. Damit sie gelingen kann, wird die mit ihr verbundene Umwälzung, was ihre sozialen Inhalte betrifft, vielleicht noch etwas mehr an die Oktober- als an die Aprilrevolution erinnern müssen.

Literatur:
Recenseamento Agrícola – Análise dos Principais Resultados – 2019 (INE 2021)
António Murteira: Uma Revolução na Revolução. Reforma Agrária no Sul de Portugal, Montemor-o-Novo 2004
„Imigração é resposta para falta de pessoas na agricultura. CAP pede rapidez na atribuição devistos”, Ana Marcela e Joana Nabais Ferreira, 4 Abril 2022: https://eco.sapo.pt/2022/04/04/imigracao-e-resposta-para-falta-de-pessoas-na-agricultura-cap-pede-rapidez-na-atribuicao-de-vistos/ gesehen 6.2.24
Estatísticas Demográficas 2022, Ediçao 2023, INE
ISCTE, Instituto Universitário de Lisboa, Da Política à Prática: a integração dos trabalhadores agrícolas imigrantes na região Oeste, Catarina Alexandra Bernardes Franco, Out. 2021 – Lisboa
XII Recenseamentos Geral da população – II Recenseamento Geral da habitação 1981, Distrito de Beja, INE 1981
Censos 2011, Resultados Definitivos, Alentejo, XV recenseamento geral da população, V recenseamento geral da habitação, INE 2012
XII Recenseamentos Geral da população – II Recenseamento Geral da habitação 1981, Distrito de Portalegre, INE 1981
Declaração de João Frazão, Conferência de Imprensa, Produção agrícola e Soberania Alimentar em Portugal, 23 Março 2022, Lisboa: https://www.pcp.pt/producao-agricola-soberania-alimentar-em-portugal
História. Sidónio Pais e o „problema“ do latifúndio no Alentejo – SUDOESTE Portugal: https://swportugal.pt/historia-sidonio-pais-e-o-problema-do-latifundio-no-alentejo/ 1/9
Alfredo Campos, As imposições da UE e do agro-negócio na nossa agricultura e alimentação,  O Militante No.355, Jul./Ago 2018
João Pauzinho, Alentejo ao sabor do capitalismo agrário, O Militante No. 368, Set/Out 2020
João Frazão, Reforma Agrária – Uma necessidade do nosso tempo, O Militante No. 373, Jul/Ago 2021
José Carlos Bravo Nico u.a., Analfabetismo: Uma «Simplicidade» Complexa, 2002: http://www.bravonico.com/docs/011.pdf
Alentejo Social, INE – Direcção  Regional do Alentejo, Série Cadernos Regionais 1998

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