Weh, der armen Lusitaner!

© PCP. Jose Satamago

Präsidentschaftswahl 2026 ■ In Portugal wird am 18. Januar 2026 der Nachfolger von Marcelo Rebelo de Sousa gewählt. Falls nötig, wird die Stichwahl am 8. Februar 2026 stattfinden. Teil I

Ein Text von José Saramago*, aus dem Jahr 1997 veröffentlicht im Cadernos de Lanzarote, Diário V, Seite 147 übersetzt von Bruno

Weh, dem armen Lusitaner! Jederman kennt die Verszeile von António Nobre aus dem Gedicht „Só“ [allein]. Jener Lusitaner, der das „arme Schicksal“ beweint; es könnte aber genauso ein Emigrant sein, einer von den unzähligen, die schwupps über die Grenze gegangen sind, unter schweren Mühen und Gefahren.

Und dann genügend Gründe, um sich zu beklagen, gefunden haben, sowohl im „Quartier Latin“ (Künstlerviertel in Paris) sowie an anderen nicht so würdigen Orten des Schreibens, der Kunst und der Bohème.

Die Emigration vergangener Zeiten hat man nicht Diaspora genannt

Ein Wort biblischen Klangs, das zusammen mit Schleifen und Bändern die brutale Flucht von Millionen von Portugiesen aus ihrem Land geschmückt hat. Ihrem Land, das sie wie Menschen dritter Klasse behandelt hat, sie im Elend oder am Rande davon gelassen hat, gerade noch gut genug um harte Arbeiten auszuführen, weil man ihnen nichts anderes beigebracht hatte. Um die Liebe in der gequälten Seele des Emigranten zu seinem Vaterland aufrechtzuerhalten, aber auch um einen Funken von Kultur in ihren Köpfen zu entfachen, schickte Portugal, Jahr um Jahr, geflissentlich, so viel es konnte, Fußballberichte, Gitarrenklänge und Folkloregruppen zu ihnen hin.
Die Diaspora, bescheiden und dankbar, bezahlte für diesen Dienst mit vollgestopften Körben an „Deutscher Mark“, mit prall gefüllten Taschen an holländischen „Gulden“ und überquellenden Wannen an französischen „Francs“. Portugal ergötzte sich an diesen bewunderswerten Söhnen, die weit weg von ihrer heimatlichen Scholle, sich ihre Gesundheit ruinierten und Stein und Bein schwörten zurückzukehren, sobald sie reich wären. Bis dahin würden sie Geld schicken, um die wirtschaftlichen Löcher der portugiesischen Karavelle zu stopfen, solange sich noch nicht das EU-Füllhorn aus Brüssel öffnete. Und, sie wählten, wenn man sie darum bat. Noch immer wählen sie. Sie haben ihre Vertreter im portugiesischen Parlament, mehr oder weniger ektoplasmische Figuren, die man Repräsentanten der Emigranten nennt.

Allerdings sind sie in so geringer Zahl vertreten, dass man sie leicht an den Fingern einer Hand abzählen kann, wobei noch ein paar Finger übrigbleiben. Nur ein naives Individuum, das nicht in der Lage ist, die Lektionen des Lebens zu lernen, wird die politische Strategie, die dahintersteckt, nicht begreifen.

Es handelt sich um einen hausgemachter Machiavellismus, der sich hinter der bescheidenen, praktisch inexistenten, Anzahl an Mandatsträgern versteckt, sodass die Gefahr, dass diese jemals einen entscheidenden Einfluss auf die Wahlergebnisse im Reich hätten, in dem Sinne, dass sie einer Partei die Macht entziehen und sie an eine andere übertragen, gegen Null geht.

Bei der Präsidenten-Kür haben die Emigranten weder Stimme noch Wahl

Hier ist das Vertrauen nicht so groß. So müssen die Emigranten aus der Ferne das aufgemotzte Geplänkel der ersten Wahlrunde verfolgen, wo sich zahlreiche Kandidaten in einem wenig überzeugenden Kampf der Streithähne abmühen, wobei die Ausgewogenheit bei den Rechten der Kandidaten nicht immer glorreich glänzt. Anschließend dringt, abgeschwächt durch die Distanz, das Echo des Endkampfes der beiden, im Übrigen schon im Voraus absehbaren, Überlebenden an ihr Ohr und die Portugiesen haben schlussendlich ihren Präsidenten. Der allerdings, legen wir den Finger in die offene Wunde, nicht der Präsident der Emigranten ist, aus dem einfachen Grund, dass es ihnen nicht erlaubt war zu wählen, egal ob für oder gegen ihn. Nicht einmal enthalten konnten sich diese Lusitaner.
Wenn nun ein Präsident der Republik einmal in die Diaspora reist, auch wenn er dort noch so viele Umarmungen erheischt, Beifallsstürme bekommt, Philharmonie­orchester für ihn aufspielen, unzählige Kinder sich ihm an den Hals werfen, kann er nicht (ich nehme mal an, dass er einen leichten bitteren Beigeschmack im Munde und ein paar Gewissensbisse verspürt) sagen, dass er dort als der Vertreter des portugiesischen Volkes steht, wenn gerade dieser Teil des noch immer portugiesischen Volkes, vor dem er gerade steht, ihn nicht wählen darf.

Sie führen an, dass unseren Emigranten keine adäquate politische Bildung besitzen, dass sie sich weit weg von den Problemen des Landes befinden und, als Krönung des Ganzen, dass sie leicht beeinflussbar wären. Wenn man mal den (ich hoffe unbeabsichtigten) Sarkasmus beiseite lässt, wenn gesagt wird, dass die Menschen die Probleme des Landes nicht kennen würden, ist das absurd, da sie ja gerade wegen der Probleme des Landes emigriert sind.

Noch zwei Worte zum angeblichen Bildungsdefizit und zur Beeinflussung, für die sie angeblich empfänglich sind. Zunächst möchte ich daran erinnern, dass, wenn Emigranten genügend politische Bildung besitzen, um Abgeordnete zu wählen, dann besitzen sie diese auch, um den Präsidenten zu wählen. Das zweite und letzte Wort möchte ich dafür benutzen, um zu fragen, ob außerhalb von Portugal lebende Portugiesen beeinflussbarer sind als die fünf Millionen funktionalen Analphabeten, die innerhalb von Portugal leben, fünf Millionen Menschen, die kaum verstehen, was sie lesen und die in ihrer überwältigenden Mehrheit jemals ein Auge auf das Wahlprogramm ihrer Partei werfen, die sie wählen?

Weh, dem armen Lusitaner! Wie recht hatte nur António Nobre …

Bruno ist Aktivist der Linken Deutschsprachigen Freunde Lagos LDFL. Er hat den portugiesischen Avante-Text übersetzt.

*) Jose Saramago war ein lebenslanges und aktives Mitglied der Portugiesischen Kommunistischen Partei (PCP). 1998 wurde der 1922 geborene Schriftsteller mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. 2004 kandidierte Saramago bei den EU-Wahlen für die Kommunistische Partei Portugals, allerdings auf einem aussichtslosen Listenplatz.

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