
Eine Leseprobe ■ „Gerächt bis in den Tod“: Am Sonntag, den 8. Juli 1923, nach dem 10-Uhr-Hochamt haben sich vor der katholischen Kirche Nankl, Mitzl, Mini, Berta und Resi zum Beerensammeln verabredet.
Nach einem reichlichen Mittagessen mit einem köstlichen Schweinsschnitzel als Hauptspeise treffen sich die Dirndln wie vereinbart am Anger im GrabenErdl.
Die kleine Schar wandert vergnügt in den eineinhalb Kilometer entfernten hügeligen Wald hinter dem Stiergraben. Im Mischwald an den Hängen oberhalb des Bächleins gibt es ausreichend Heidelbeerfelder im dichten Unterholz. Die emailierten zwei-Liter-Milchkannen der Beerenpflückerinnen füllen sich im Handumdrehen.
Die fünf Freundinnen haben eine ziemliche Gaudi beim Heidelbeergrasen
„Versteckt‘s euch gschwind, der Ferschtl kimmt. Er hat a sei Gewehr umg‘hängt”. Die Sichtung des Försters und die folgende Warnung von Nankl kommen zu spät. Ringerl, der Spitz-Dackel-Mischling des Janos Koth, hat die fünf „Hoaba-grosa-Dirndln“ bereits gewittert. Der kleine Vierbeiner kommt zickzack laufend, schwanzwedelnd und kläffend durch das dichte Unterholz des Beerenfeldes angerauscht.
Die Rädelsführerin Nankl ist mit ihren zwölf Jahren nicht die älteste der Gruppe. Sie hat aber auf Grund ihres witzigen und vorlauten Verhaltens fast immer das Sagen. Ihre Aufmüpfigkeit wurde dem Mädchen quasi von ihrem Vater Hansl Vogel, dem Piringer Sozialistenhäuptling, in die Wiege gelegt.
Als Janos Koth mit seinem Hund um halb drei Uhr die fünf Mädchen erwischt, herrscht Schweigen im Walde. Nun war Schluß mit lustig. Der Förster tobt, rasend vor Wut, mit herrschaftssüchtigem Gehabe:
„Es daherglaufenen Hurenkinder, ihr seid‘s alle Nichtsnutze und Diebe. Das ist mein Wald und ich hab euch schon hundert Mal gesagt, dass ihr nicht dem guten Fürsten Osterhazi, der für euch und eure Familien sorgt, seine wertvollen Früchte des Waldes stehlen dürft. Die Röhrling, Pilze und Heidelbeeren g‘hören ihm. Ich bin der, der auf alles aufpasst, was dem Osterhazi g‘hört. Verstanden!”, tobt der zornige Wüterich. Er fordert die zu Tode erschrockenen Kinder auf, die bereits mit Heidelbeeren gefüllten Kannen abzustellen, während er mit der linken Hand seine quer über den Rücken hängenden Puschka am Schulteriemen zurechtrückt.
„Es gibt so viele Hoaba da und in ein paar Tagen san die eh olle hin. Wieso dürfen ma die nicht behalten”, begehrt Nankl trotzig auf. Sie will sich nicht unwidersprochen von ihren köstlichen Sammelgut trennen.
Nankl ist die einzige, die zwei Kannen dabei hat. Der Inhalt eines Gefäßes sollte am Abend nur mit ihren Freundinnen verspachtelt werden. Das war ihr Plan. Mit viel Zucker schmecken die Heidelbeeren besonders gut. Oder so gut, wie die von der Mutter gebackenen blau-gelben Biskuitkuchen.
„Werd‘s net frech, es Bongatn vom Gsindl vom GromErdl. I bestimm, wem was g‘hört in dem Wold”, schreit der Wüterich. Der Förster tritt der Reihe nach alle sechs Milchkannen um, zertrampelt das kostbare Blech der Kleinbauern. Triumphierend und mit einem zynischen Lachen hängt der selbsternannte Herr des Waldes die zerbeulten Behälter der Reihe nach in zwei Metern Höhe an einen abgebrochenen Ast am Stamm einer Fichte auf. Verängstigt und regungslos schauen die erstarrten Mädchen mit weit geöffneten Augen dem Förster bei seiner Zerstörungsorgie zu.
Als Janos Koths Wutanfall langsam verebbt, stehen die Kinder wie angewurzelt unter dem sonnendurchstrahlten Blätterdach der hohen Laubbäume, inmitten des Dickichts der wadenhohen grünen Sträucher mit den blauen Beeren.
Dieser Umstand steigert erneut die ungezügelte Aggression des Tyrannen
„Ich sollt euch alle daschießen, denn ihr Gschroppn seid‘s nutzlos und zu nix zu gebrauchen – Schleicht‘s euch endlich”, brüllt der aufgebrachte Mann.
Langsam und zögerlich zeigt die angedrohte rabiate Aufforderung des Försters bei den Heidelbeerpflückerinnen Wirkung. Mitzl, Berta, Resi, Minni und Nankl rennen weinend, ohne sich umzudrehen quer durch das Beerenfeld in Richtung Dorf.
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