
Portugiesische Verhältnisse ■ Internationaler Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen. Die „Mariposas“ (Schmetterlinge) sind allgegenwärtig.
Von Sandra Benfica, Avante!, Nr. 2712 vom 20. November 2025 übersetzt von Bruno
Am 25. November werden viele Stimmen gegen Gewalt gegen Frauen laut werden.
Im Zuge der Gewalt gegen Frauen werden neue Statistiken veröffentlicht und zu diesem Anlass wird es zahlreiche Reden und Beiträge geben. Wir wenden uns nicht dagegen, dass das Ausmaß angegeben, anerkannt und verurteilt wird. Was wir aber nicht ertragen können, ist die Scheinheiligkeit, wenn bei diesen Diskursen systematisch die herrschende Gewalt ausgeblendet wird:
Prostitution und Menschenhandel, Belästigung und Nötigung am Arbeitsplatz, Entlassung wegen Schwangerschaft und Benachteilung während der Mutterschaft, Ausbeutung bei Schichten und digitalen Plattformen, digitale Gewalt, Gewalt in der Geburtshilfe, Zwangsräumungen und Benachteiligung bei der Wohnungssuche sowie institutionelle Gewalt, die Schutz vernachlässigt und verweigert.
Was wir nicht mehr ertragen können, ist das herablassende Verhalten der Täter; die Schuldzuweisungen, die Frauen erneut zu Opfern machen; die Akzeptanz sexistischer und frauenfeindlicher Diskurse und Praktiken; sowie die Herangehensweise, die alles auf Probleme zwischen zwei Personen reduziert, womit die wahren Ursachen, die zu diesen Phänomenen führen, umgangen werden und somit vor allem das Verantwortungsbewußtsein zum Eingreifen vermindert wird.
Die Wahrheit ist, dass der Staat weiterhin die Frauen vernachlässigt
Die portugiesische Regierung versagt, wenn sie die sozialen und wirtschaftlichen Krisen verschärft und das Leben besonders für Frauen prekarisiert – miserable Löhne, unsichere Arbeitsplätze, unerschwingliche Mieten – wodurch Frauen in wirtschaftliche Abhängigkeit gedrängt werden, was das Herauskommen aus verschiedenen Arten von Gewalt verhindert. Eine Tatsache, die dadurch noch verstärkt wird, wenn der geplante Änderungsvorschlag des Arbeitsgesetzpakets im Parlament angenommen wird. Die Politik versagt bei der Prävention, der Unterstützung und dem Schutz – der drei Säulen jeglichen ernsthaften Bemühens – und sie tut dies mit Vorsatz, indem die Regierenden die öffentlichen Dienste ohne finanzielle Mittel verkommen lässt.
In diesem Rahmen mag es nicht verwundern, dass viele Frauen sich ihrem Schicksal überlassen fühlen – ein Schicksal, das sie viel zu oft demütigt, verletzt, erniedrigt und tötet.
Aber es gibt andere Möglichkeiten – und es gibt Menschen, die sich dafür einsetzen. Getreu ihrer Geschichte, die sie immer auf der Seite der Frauen sah, hat die PCP im Rahmen des Haushaltsplans konkrete Vorschläge zur sofortigen Abhilfe unterbreitet: Verstärkung der Kommission zum Schutz der Opfer von Straftaten; Konzepte und Programme zum Ausstieg aus der Prostitution; öffentliche Plattform zur Prävention und Überwachung der Risiken häuslicher Gewalt (staatliches Gesundheitswesen, Schulen, Sicherheitskräfte); mehr Mittel für Opfer und für Programme gegen die Täter; 24/7-Abdeckung durch einen Anwaltsdienst; Vorgehen gegen die nicht einverständliche Verbreitung intimer Inhalte; eine Kampagne für Sexualerziehung im Bereich Gesundheit und Reproduktion; sowie eine fortwährende Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen, die sich für Frauen einsetzen. So schreitet man beim Schutz der Frauen vom Gerede zur Tat.
Die Wahrheit ist, dass der Staat immer noch beim Schutz der Frauen versagt
Gewalt gegen Frauen ist keine private Episode, es handelt sich um ein strukturelles Phänomen, das in den Familien, der Gemeinschaft, der Wirtschaft und dem Staat verinnerlicht ist, und auf all diesen Feldern muss der Kampf dagegen geführt werden.
Ein internationaler und nationaler juristischer Schutzmechanismus existiert, aber im Rahmen des Kapitalismus wird er schlecht oder überhaupt nicht angewandt. Es handelt sich nicht (nur) um fehlenden politischen Willen: die Logik ist dem kapitalistischen System immanent, es ist ein Feind der Frauen und ein Befürworter der Gewalt. Wie Nancy Fraser hervorhebt, verschlingt dieser „kannibalische Kapitalismus“ die Lebensbedingungen: er privatisiert, was er kann, lässt den Rest verkommen und scheffelt aus der Abhängigkeit der Frauen Geld.
In ihm werden Rechte zu bedingten Versprechungen, abhängig von Staatshaushalten, die ihre Prioritäten außerhalb des öffentlichen Interesses setzen, sowie von unterfinanzierten Diensten; Prävention, Unterstützung und Schutz werden auf die Warteliste gesetzt; die Mühlen der Justiz malen langsam; der digitale Raum wird an Plattformen vergeben, die mit Hass und sexueller Ausbeutung finanziell verdienen, indem sie entwürdigende Klicks zu Einkommensquellen machen.
Dieses System beschränkt sich nicht nur auf finanzielle Ausbeutung; sondern raubt auch Zeit, schändet die körperliche Integrität und profitiert von der nicht wahrnehmbaren Arbeit, die zum Überleben notwendig ist.
Wenn öffentliche Dienstleistungen kaputtgespart werden, wenn ein Überleben nur noch mit miserablen Löhnen, unsicheren Arbeitsplätzen und unerschwinglichen Mieten möglich ist; wenn der eigene Körper durch Prostitution, Pornografie und auf dem Reproduktionsmarkt zur Ware wird, dann reduziert sich die „Freiheit“ der Frau auf ein hohles Schlagwort, das Abhängigkeit, Ausschöpfung und Risiko verschleiert und die Gefahr von Gewalt vervielfacht.
Wenn Gewalt gegen Frauen keine Grenzen mehr kennt, dann zeichnen wir die roten Linien auf: es genügt nicht, mit mehr Kampf gegen Straftaten und höheren Strafen eine Antwort zu geben, indem alles auf die Polizei und die Gerichte abgeschoben wird; die materielle Basis muss verändert werden.
Strukturelle Vorsorge zu treffen, heißt mehr Machtbefugnisse und mehr finanzielle Mittel
Einkommen, Zeit und öffentliche Dienste zu gewährleisten, damit keine Frau in wirtschaftliche Bedrängnis gerät; Wohnraum zur Verfügung zu stellen und eine Justiz, die schützt.
Das heißt auch, die zurückgebliebene, machistische und frauenfeindliche Mentalität zu bekämpfen, die sich aus den verfaulten Eingeweiden des Populismus nährt und den alten, reaktionären Kodex des Schweigens wieder etabliert.
Am 25. November gehen wir auf die Straße, um von der Regierung eine nachhaltige und koordinierte Politik bei der Prävention und dem Kampf gegen die Gewalt zu fordern, das heißt, öffentliche Dienste, Justiz, Gesundheitswesen, Bildung, Wohnraum und soziale Sicherheit zu stärken. Wir fordern, dass die Regierung ihr Arbeitsgesetz-Paket aufgibt und dass sie die in der portugiesischen Verfassung festgeschriebenen Rechte voll erfüllt.
Und an diesem Tag erinnern wir an die „Mariposas“ (Schmetterlinge), das sind Patria, Minerva und Maria Teresa Mirabal, die am 25. November 1960 von der Diktatur Trujillos ermordet wurden. Nicht nur zur Erinnerung, sondern auch als eine direkte Verbindung zur Gegenwart: organisierter Widerstand, politisches Engagement und Kampf. Die „Mariposas“ sind allgegenwärtig und unsere roten Linien sind auch ihr Beispiel beim Voranschreiten: für unsere Rechte, für unser Leben, für die Würde der Frau. Keinen Schritt zurück. Kein verlorenes Leben.
Bruno ist Aktivist der Linken Deutschsprachigen Freunde Lagos LDFL. Er hat den portugiesischen Avante-Text übersetzt.
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